
Hansi bekam wieder Kopfweh, als er seinen Kopf weit nach hinten neigte. Ein Blick nach oben bestätigte seine Vermutungen: Das ständige Gebrüll, das ihm folgte, stammte von einem Schwarm Brüll-Affenten (eine flugfähige Mischung aus Brüllaffe und Brüllente), der ihn seit Verlassen des Hauses verfolgte. Als wäre der säureartige, nach Banane riechende Kot der Kreaturen nicht schon genug der Plage, das ständige "
QUAUUUUUUGHK" von oben war schon sehr irritierend. Auch einige Blocks weiter hörte Hansi noch das Brüllen von oben. "Welcher wahnsinnige Wissenschaftler sich auch immer diese Viecher ausgedacht hat", murmelte Hansi vor sich hin, "er war bestimmt wahnsinnig.". Ein hartes Stück Bananenbrot (die Leibspeise der Affenten) traf ihn an der Schläfe und Hansi zuckte zusammen. "AUA!", brüllte er gegen das Gebrülle von oben an und warf erneut den Kopf in den Nacken, um dann seine Faust in Richtung des Schwarmes zu schütteln, der mit dieser Geste herzlich wenig anzufangen wusste. "Ihr verdaAAAAAAAAAAaaaaaaaaaaa-", schrie Hansi plötzlich, als er in ein tiefes Loch fiel. Neben dem runden Nichts auf der Straße stand ein kleines Schild: "Heute Tag der offenen Tür in der Kanalisation", jedoch hatte Hansi es verpasst, das Schild zu bemerken, geschweige denn das Loch.
Er fiel lange. Um ihn herum nichts als Dunkelheit. Das einzige Licht schien durch den offenen Gulli, über dem die Affenten kreisten. Hansi erwartete, dass vor seinem wahrscheinlichen Tod seine gesamte Existenz an ihm vorbeizog. Da realisierte er, dass dies bereits der Fall war - der Vorgang wurde "Leben" genannt (von Pratchett geklaut, ich gebe es zu). Den eigentlichen Aufprall hörte oder spürte er kaum. Eine überwältigende Taubheit empfing ihn, dann Stille.
Nach wenigen Sekunden, die vielleicht auch Stunden waren, es war schwer abzuschätzen, hörte Hansi ein Rascheln. Er schlug die Augen auf.
Sein gesamtes Sichtfeld war von Blau gefüllt. Keine Kanten, keine Formen, nichts außer endlosem Blau. Das Blau kam ihm bekannt vor. Er starrte noch ein wenig, dann fiel ihm auf, dass es exakt der Blauton war, der in Windows auf dem Desktop ist, wenn man kein Wallpaper setzt. Er glotzte noch ein wenig das Blau an, dann hörte er wieder das Rascheln von Papier. Er drehte sich um, aber in allen Richtungen sah er nur das Windows-Blau. Ein Räuspern, das aus allen Richtungen gleichzeitig kam. Verwirrt guckte sich Hansi um. Links, Rechts, Vorne, Hinten, Oben, Unten....unten? Er blickte herab und stellte fest, dass er nackt war. Beschämt hielt er sich die Hände vor die Blöße. Das Kratzen von Bleistift auf Papier schabte in einer undefinierten Richtung. "H...hallo?", wagte Hansi die Stimme zu erheben. "Ja?", kam es zurück, mit einer Stimme, die so unbegreiflich wie das scheinbar endlose Windows-Blau war. Einerseits klang die körperlose Stimme wie eine Lawine, die einen Gletscher hinabpoltert, gleichzeitig aber auch als gehöre sie jemandem in einem muffigen Zimmer in einem Amtsgebäude, der graue Anzüge trug und einen Kombi fuhr. Hansi trat von einem Fuß auf den anderen. "Entschuldigung, äh...bin...bin ich tot?", fragte er, nur um sicher zu gehen. "Äh...ja.", sagte die Stimme. "Einen Moment, ja?" "Ja". Tot. Es erschien einleuchtend, angemessen, aber irgendwie war der Gedanke doch befremdlich. Ihm war im raumlosen Blau nicht kalt, dennoch war es ihm unangenehm, nackt zu sein. Er hatte sich selbst stets nur beim Waschen nackt gesehen, und auch dann hatte er nicht so genau hingeschaut. Mit dem Geräusch von Zetteln, die aufeinander schabten, beendete die Stimme aus dem Nichts seine...was auch immer er tat. "So, nun zu Ihnen...", sagte sie. Hansi öffnete schüchtern den Mund. "Bin ich....im....im Himmel?", fragte er verunsichert. Die Stimme lachte. Das Lachen klang wie eine Mischung aus dem Humor eines Menschen, der über Akten lachen konnte und dem Prusten eines Geysirs. "Sicherlich nicht äh.....Hansi, ist das richtig?" "Ja." "Gut.". Eine leichte Panik befiel ihn. "Heißt das, ich bin in der Hölle?", schob er hinterher. Er hatte sich schon immer gedacht, dass die Hölle aus Bürokraten bestand. "Was? Aber nein, nein.", antwortete der Unsichtbare. "Darüber müssen Sie sich keine Gedanken machen. Aber nun zu Ihren Taten..." "Wie bitte?" "Ihr Leben, Hansi. Was sie getan haben. Gut und Schlecht und so weiter." "Oh. OH.". Wieder Rascheln. "Wo haben wir es denn...äh...ahja, hier, genau. So, dann schauen wir mal."
Das Unwohlsein nahm zu. Jemand würde über ihn Gericht halten? Er dachte über sein Leben nach. So schlecht war er doch gar nicht gewesen. Eigentlich müsste er doch irgendwo im Mittelmaß sein. "Beginnen wir doch einfach mal mit dem Positiven", kündigte die Stimme an, "da haben wir ja einiges, wir brauchen das jetzt auch nicht ALLES durchgehen, äh...immer nett zu alten Menschen gewesen, bisschen um die Umwelt gekümmert, keine Drogen, et cetera, ein paar gute Bücher gelesen,
Gothic 1 gespielt, sehr gut, ja...in kleinen Geschäften statt in großen Ketten eingekauft,...et cetera...,...", las die Stimme die Liste vor wie jemand, der ein Formular überflog, das er schon in billionenfacher Ausführung gesehen hat. Hansi hörte nicht mehr zu. Er wusste, dass nichts großartiges mehr kommen würde. Er hatte nie irgendwelche Heldentaten begangen, nie jemandem das Leben gerettet oder so. "So", sagte die Stimme, "nun zur Negativ-Liste", und erneut hörte man Papier rascheln. "Ach und...wenn Sie bitte Ihre Genitalien loslassen würden, das irritiert. Danke". Erschrocken nahm Hansi die Hände von seiner Blöße. Aber wenn er ihn sehen konnte...das Unwohlsein nahm noch weiter zu. "So Hansi, kommen wir zu Ihrer Negativ-Liste." "Hören Sie", unterbrach Hansi, "wenn es um die...gelegentliche Onanie als Jugendlicher geht, ich kann das erkl..." "Da machen Sie sich mal keinen Kopf", sagte die Stimme aus dem Blau, "das haben wir schon längst als Kriterium gestrichen. So, dann schauen wir mal..." Hansi atmete erleichtert auf. "Ohoh.", sagte die Stimme, und sofort war die Nervosität wieder da. "Was...was denn?", fragte der Verstorbene. Er konnte das Runzeln der Stirn des Unsichtbaren förmlich hören. "Es ist nicht viel, aber...", brummte die Stimme. "Sie sind mehrmals in einer 30er Zone mit 40km/h gefahren...nie die Frau Ihrer Träume angesprochen..." "Susi? Ich..." "...OHOH! Einmal FDP gewählt, das ist übel...keinen Musikgeschmack entwickelt...öfters unterbuttern lassen...et cetera...grüne Pullover getragen, meine Güte...sich über Leute im Internet aufgeregt, das ist natürlich, äh...mal jemanden zugeparkt...hm...jaja...das Übliche...ja. Ja, das wäre es auch.", schloss die Stimme.
Es folgte ein kurzer Moment der Stille. "Und?", fragte Hansi. "Reicht es?". "Wofür?", fragte die Stimme sichtlich irritiert. "Naja, für...also entweder oder, nicht?", sagte Hansi. "Oder was?". "Ähm...war es denn unterm Strich jetzt, mal sagen, im Ganzen, quasi, äh...mehrheitlich...ok?", versuchte Hansi sich verständlich zu machen. "Tja Hansi, das müssen Sie selbst entscheiden. War Ihr Leben gut?", fragte die Stimme. "Ähm...ja? Glaub schon. Ich meine...könnte besser sein. Viel nie gemacht, viel verpasst, äh, aber auch viel Gutes, wobei, also...hm. War ganz ok. So mittel. Glaub ich. Ich bin mir nicht sicher.", sagte er ehrlich.
Das Klicken eines Kugelschreibers schnappte aus allen möglichen Richtung. "Wäre es das dann?", fragte die Stimme. "Noch Fragen?". "Ähm...eigentlich nicht. Wobei, doch, eine. Was....erm....was jetzt?", wollte Hansi wissen. "Na Sie sind tot.", antwortete die Stimme, "Das war's.". "Und Himmel und Hölle?". "Also BITTE.", empörte sich die Stimme. Hansi war verwirrt. "Sind Sie nicht Gott?". "Was? Nein. Das wüsste ich aber. Haha.". "Was passiert denn dann jetzt?". "Na, Sie sind tot. Sie hören auf zu existieren.", kam prompt die Erklärung. "Aber äh, wozu dann das Abwägen, ob mein Leben gut war oder nicht?", fragte Hansi nun vollkommen verwirrt. "War es denn schlecht, am Ende nochmal drüber nachzudenken?", schmunzelte die körperlose Stimme. "Nein...nein, eigentlich nicht, nein.", sagte Hansi. "Ja gut dann äh....äh...schönen Tag noch, äh.", verabschiedete sich Hansi und hörte auf ewig auf zu existieren.
Erneut raschelten einige Papiere, dann knisterte Stoff. Ein leises Ticken war zu hören. "Ah", sagte die Stimme im endlosen, unbestimmen Windows-Blau. "Mittag".
ist toll!