Reflection
Die Leute, die draußen eilig durch den leichten Regen liefen, erschienen durch das Fenster, an dem die Tropfen herabronnen, als verschwommene, dunkle Silhuetten. Es regnete immer. In den Pfützen auf den Etagen-Straßen spiegelten sich die Leuchtanzeigen der freien Megacity wieder. Der junge Mann in dem dunklen, leicht beengten Apartment kratzte sich in seinem stoppeligen Bart und blickte durch die Scheibe. Die Musik, die er hörte, war vor über einhundertfünfzig Jahren entstanden, als Untermalung für einen Film, den heutzutage niemand mehr kannte. Auch wenn ihm die damalige Gesellschaft weiterhin Rätsel aufgab und er die Denkschemen dieser Zeit als furchtbar empfand, er musste eingestehen, dass sie damals gute Musik gemacht haben. Immer wenn eine Kultur ihre Blüte erreicht hat dauert es nicht mehr lange, bis sie sich selbst zerstört, dachte er sich. So war es mit den Sumerern, so war es mit Rom, so war es mit Amerika. Es wiederholt sich alles.Mit einem blubbernden Geräusch ploppte ein kleines Symbol auf dem Bildschirm neben ihm, der zwischen den Papierstapeln fast verschwand, auf. Es stellte ein läutendes Telefon dar, bei dem der altmodische Hörer bei jedem blubbernden Klingeln auf und ab hüpfte. Erst nach mehrfacher Meldung reagierte der junge Mann und schaute auf den Bildschirm. Neben dem Symbol stand ein Name: "Der Alte". Mit einem Seufzen legte er seine Finger auf den Bildschirm und zog ein Menü hervor, in dem er die Kamera seines Systems ausschaltete. Danach schob er das Menü zurück in den Tray und drückte auf das Symbol mit dem Telefon. Ein Fenster entstand und ein älterer Herr mit mächtigem Schnurrbart, einem freundlichen Gesichtsausdruck und ledern wirkender Haut erschien. Er wirkte müde, erschöpft, aber die Augen hinter seiner Brille waren hellwach. "Guten Abend, mein Junge", grüßte er den Bewohner des Apartments, der sich in seinem verschlissenen Ledersessel zurücklehnte. "Lass mich raten, die Kamera ist aus, weil es bei dir wieder wie Sau aussieht", sagte der Mann und lachte kurz, im Gegensatz zum Angesprochenen. "Was gibt's denn?", fragte dieser und regelte die Lautstärke der Musik ein wenig runter.
"Nun, äh, ich wollte nur mal hören, wie es um dich und eine feste Anstellung steht!", erklärte sich der alte Mann. "Weißt du, es wird wirklich Zeit, dass du was findest. Nachdem du ja das mit dem Studium vorzeitig beendet hast", der Ton seiner Stimme ließ seinen Unmut durchscheinen, "musst du endlich mal was festes haben. Du weißt, und das kann ich nicht oft genug sagen, wenn du äh, also hier bei uns gibt es immer Arbeit, der Konzern würde dich mit Sicherheit..." "Nein", fuhr der jüngere Mann dazwischen. "Nein, ich habe nicht vor, für den Kraken zu arbeiten." Bei der Erwähnung des abfälligen Spitznamens des Weltkonzerns schaufte der Alte. "Vergiss es. Wir hatten dieses Gespräch schonmal. Und wieder und wieder. Ich bin es leid. Ich bin nicht umsonst die die freie Megacity gezogen. Du weißt genau, warum. Wenn dein Scheisscon da seine Bür...", führte er aus, aber der Alte fiel ihm ins Wort. "NICHT solche Bemerkungen, Sohn! Hier hättest du wenigstens einen gesicherten Job mit Perspektive. Nicht dieses Herumgelungere und das Hoffen, dass sich dir irgendwann irgendwas bietet. Wie viele Bewerbungen hast du überhaupt diesen Monat geschrieben?". Der junge Mann rutschte auf seinem Platz hin und her. "Diverse. Genug. Ne ganze Menge. Ja." Sein Vater hob eine Augenbraue. "Ach? Und wie viele davon haben dir auch geantwortet?" Unauffällig blickte er in die Liste mit seinem Posteingang. Er enthielt diverse Newsletter, einige Rechnungen, zwei alte Passwort-Aufrufe und einen Haufen Mails der jungen Frau, bei der er sich zwar nicht wirklich reelle Chancen ausrechnete, aber an die er jeden einzelnen Tag immer wieder denken musste und die ihm, so sehr er sich auch zunächst dagegen wehren wollte, den Verstand geraubt hatte. Irgendwie waren alle Frauen uninteressant und beliebig, nur diese nicht...er seufzte. "Nun?", wollte der ältere Herr am Telefon weiterhin wissen. "Ähm...fünf, NEIN, sechs, ja, äh, sechs", erfand sein Sohn schnell, um seinen Vater zufrieden zu stellen und ihn somit mit seinem Generve zu stoppen. Dieser schien es ihm abzukaufen. "Tja. Denn. Dann äh, melde dich so bald wie möglich bei denen zu einer Vorstellung.", empfahl er. "Bei uns ist alles wie gehabt. Deine Mutter stellt das Haus mit immer mehr Pflanzen voll, man kann keine zwei Schritte gehen, ohne über irgendein Gewächs zu stolpern." Aus dem Hintergrund rief jemand etwas, und der Alte antwortete mit einem "Jaja". "Ich soll dich von ihr grüßen.", sagte er. Der junge Mann nickte unbewusst. "Wie geht es dir?", fragte er nach einigen Sekunden. Sein Vater räusperte sich. "Naja, zur Zeit ist es auf der Arbeit recht stressig. Dieser Konflikt im Norden mit X-on ist ein bürokratischer Albtraum, was da alles an Dokumenten verfasst werden muss..." "Du meinst das Blutbad, dass euer Con mit denen da oben anrichtet? Konflikt. Ha. Aber das meinte ich nicht.", erwiederte der junge Mann. Er sah, wie sich der Blick seines Vaters kurz senkte, um dann wieder kraftvoll gradeaus in die Kamera zu blicken. "Alles in Ordnung. Weißt du, die Firma hat wirklich gute Ärzte. Mach dir da keine Gedanken.", antwortete er mit einem Tonfall, der jeden überzeugt hätte, dass alles bestens sei, nur sein Sohn kannte seinen Vater so gut, dass er die bewusst sichere Betonung durchschaute. "Wie dem auch sei", fuhr dieser fort, "wenn du es schon ablehnst, für die Leute zu arbeiten, die deine Schulausbildung gewährleistet haben und die den Arzt bezahlt haben wann immer du krank warst und die..." "Jajaja." "...dann solltest du wenigstens von dir aus einen anderen Weg finden, durchs Leben zu gehen. Und dabei wünsche ich dir viel Glück.", schloss der Alte seine Rede. Sein Sohn brummte zustimmend in Richtung des Bildschirmes. Es folgten einige Sekunden Stille, nur die leise Musik und das Prasseln des Regens füllten den Raum. Und natürlich der Lärm der freien Megacity, aber irgendwann nahm man den nicht mehr wahr.
"Tja, dann..." "Dann..." "Schüss..." "Machs gut.", verabschiedeten sich die beiden voneinander. Der junge Mann lehnte sich nach vorne und drückte auf den Bildschirm, um das Gespräch zu beenden, dann drehte er die Lautstärke der Musik wieder höher. Er schaute aus dem Fenster. Es regnete. Wie immer. Sein Kopf wandte sich den Stapeln auf seinem Tisch zu, und er zog einen Zettel aus einem der vielen Haufen hervor. Mit seinen Händen strich er den Brief glatt und las erneut die ersten Zeilen darauf. "Sehr geehrter Herr Kaine, hiermit würden wir sie gerne zum Vorstellungsgespräch in den Whitewater Park blablabla freie Megacity blablabla Dienstag den 20ten blablabla mit freundlichem Gruß". Er faltete den Zettel und warf ihn auf seinen Tisch. Seine Gedanken gingen wieder an den Punkt, zu dem er sich in den letzten Tagen durchgearbeitet hatte. Wenn schon meine Seele verkaufen, dann an den Höchstbietenden. Es regnete weiter, die Musik spielte fort. Der junge Kaine setzte eine Mail für Whitewater auf.
Labels: Kaine















3 Comments:
Eine spannende Dystopie entwirfst du da. Gibts ein uebergreifendes Script, oder schreibst du immer so wie du Lust und Ideen hast?
Ich schreib das gar nicht selber, sondern beschäftige einen Schimpansen, der wahllos auf die Tastatur einhämmert. Wenn mir nicht gefällt, was er geschrieben hat, piekse ich ihn mit einem spitzen Stock. Wenn es gut ist, kriegt er eine Orange.
[Ich hab nen übergreifenden Plan, also ich weiß, was in etwa als Nächstes kommen müsste, aber den exakten Ablauf der jeweiligen eigentlichen Teile denke ich mir beim Schreiben bzw unmittelbar davor aus]
Die Kaine-Serie hat jetzt auch einen Tag und kann im Archiv ausgewählt werden!
Ich mach das auch so, benutze aber einen Papagei.
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