Von prophet am Samstag, März 14, 2009 um 09:40

Ohnmacht

*seuftz* Eigentlich wollte ich das Thema ja einfach aussitzen und ohne einen Text darüber davonkommen. Aber da es die Medien von einem Unfug - Orgasmus zum Nächsten treibt, bleibt mir wohl keine andere Wahl. Dabei finde ich das Thema furchtbar uninteressant, sind es doch immer wieder genau die gleichen Punkte, die heraufbeschworen und diskutiert werden. Strengere Waffengesetze, schreien die einen, in der festen Überzeugung, dass das nicht gequirlte Scheisse ist, die sie da herauskotzen. Deutschland hat bereits ein extrem strenges Waffengesetz im Vergleich mit anderen Staaten, nur bringt auch das strengste Gesetz nichts, wenn es nicht eingehalten wird. Der Vater von unserem aktuellen "Amokläufer" (ein unsinniger Begriff, Amoklaufen ist nicht gezielt) hatte die Tatwaffe nämlich nicht weggeschlossen, wie es seine gottverdammte Verantwortung gewesen wäre, sondern hatte sie im Schlafzimmer rumliegen. Zählt das nicht schon als Beihilfe zu einer Straftat?
Die Motive hinter der Tat werden nun gesucht. Und zwar auf seinem Computer. Das Debakel um die scheinbar gefälschte Nachricht vor der Tat auf Krautchan (Fuck You Krautchan!!) leitete das nun stattfindende Durchforsten der Festplatten des Täters ein. Und was findet die Polizei? Pornobilder! 200 Stück! Bei einem Siebzehnjährigen! Wenn ein Jugendlicher dieses Alters 200 Pornobilder auf dem Rechner hat, hat er entweder extrem langsames Internet oder wirklich ein gestörtes Sexualverhalten. Und als wäre es damit noch nicht genug - KILLERSPIELE hat er auch noch gespielt! Far Cry 2! Oh Gott, alles ergibt plötzlich einen Sinn! Ich musste mich zunächst extrem wundern, wieso er nach dem Blutbad in der Schule ein Auto gekidnapt hat und so eine lange Fluchtroute hatte. Das hat er alles aus Far Cry 2 mit diesen unsäglich langen Fahrstrecken und den repetativen Feuergefechten unterwegs abgeleitet! Aber mal ernsthaft - wenn es Videospiele mit Gewalt wären, die der Auslöser für solche Taten sind, wie extrem kaputt muss ein Verstand bereits sein, damit dieser Einfluss reicht? Wie schon der Joker sagte: "Madness, as you know, is like gravity…all it takes is a little push!" - aber wie weit muss man dann bereits am Abgrund stehen?
Ich glaube auch nicht, dass der Überlegungsansatz etwa der Welt, dass bisher (fast) alle Täter dieser Art männlich waren, etwas bringt. Wohin soll dieser Ansatz führen? Ab sofort wird jedem frustrierten Jugendlichen eine Freundin vom Staat zugeteilt, die eine beruhigende Wirkung auf ihn ausübt? Wo kann ich mich eintragen? Überhaupt fällt mir beim Lesen über diese Person immer wieder auf, dass mir nichts auffällt. Keine Abnormitäten. Keine Eltern, die sich in einer Schlammschlacht scheiden ließen, keine Vergewaltigungen als Kind, keine einschneidenden, alles erklärenden Besonderheiten. Dieser Typ war genau so wie abertausende von anderen Jugendlichen auch. In die Schablone, die die Medien bisher geschnitzt haben, passen unzählige andere junge Männer. Nur, dass es bei denen nicht *klick* gemacht hat...und dann *peng*. Die Ursachen für die Tat, nach denen nun Medien und Polizei wühlen, lassen sich nur leider nicht auf der Festplatte des Täters oder in seinen Hobbys finden, sondern nur an einem Ort: In seinem Kopf. Nirgendwo anders. Und da einen Blick hineinzuwerfen geht nicht mehr. Und das wissen die Menschen auch, es ist ihnen unterbewusst klar, aber sie reden trotzdem über strengere Waffengesetze, Killerspieleverbot und Kontrollen an den Schulen. Warum? Weil sie dort etwas tun können, nicht weil bei es der Verhinderung der Taten hilft, sondern weil es den komfortablen Eindruck vermittelt, nicht komplett hilflos zu sein. Das ist es im Kern, diese ganze Diskussion um solche Taten. Es geht nicht darum, wie man denen, die am Abgrund stehen, helfen kann. Es geht darum, sich selbst das Gefühl zu geben, alles geregelt und unter Kontrolle zu haben. Weil dieser Glaube so verdammt angenehm ist.

[Nachtrag]: Überall wo aktuell auf dieses Thema Bezug genommen wird werden andere Artikel zum Thema empfohlen - mir fehlt die Energie, um jeden ernsthaften, langen Beitrag zum Thema zu lesen, aber auch ich muss auf eine andere Arbeit zum Thema verweisen: Die von Doug Stanhope.

5 Comments:

Blogger Maak sagte...

von mir bekommen sie für diesen post standing ovations.

14.03.2009 18:25:00  
Blogger Okami Itto sagte...

Sehr guter Text! Den Ovationen von Maak schließe ich mich uneingeschränkt an.

14.03.2009 18:44:00  
Blogger Rotfell sagte...

Auch lesenswert in dem Zusammenhang: Hanno's Blog

Gut fand ich, daß ein am Telefon interviewter Fachmann (Ich glaube, es war ein Kriminalistik-Professor der Uni Münster oder so???) live auf n24 die Berichterstattung scharf kritisiert hat, da diese nur als Anreiz dienen würde. Da waren die Nachrichtensprecher erstmal baff ^^

Mittlerweile bin ich mir nicht mehr ganz so sicher, ob wir als "Normalentwickelte" überhaupt die Ursachen beurteilen können, DENN die Jugendlichen waren offensichtlich in ihrer emotionalen und sozialen Entwicklung gestört, also könnte speziell für diese Jungen das mit den Computerspielen sogar zutreffen. Wer weiß denn schon, was in einem gestörten Gehirn abgeht? Wir können noch so sehr versuchen, uns vorzustellen, was der Auslöser gewesen sein könnte, aber im Nachhinein bleibt nur die Tatsache, daß bei den Jungen irgendetwas im Kopf massiv schief gelaufen ist und sie soziopathisch gehandelt haben.

15.03.2009 10:24:00  
Blogger Kekz sagte...

Der Text verdient mehr als nur diese kleine Anerkennung durch einen Kommentar.

Respekt! Aus der Seele gesprochen.

15.03.2009 18:26:00  
Blogger Hunsrückwilderer sagte...

Super Beitrag!

25.03.2009 12:32:00  

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