Von prophet am Donnerstag, April 23, 2009 um 21:18

Selbstmord

Es gibt da einen Gedanken, der mich fasziniert. Das Szenario: Ich musste neulich (jetzt tue ich mal so als wäre das nicht ständig der Fall) ein wenig Zeit totschlagen. Bedenklicherweise dachte mir, ich schalte mal auf gut Glück den Fernseher an, den ich sonst nur einschalte, wenn ich weiß, dass ein bestimmter Film läuft, den ich sehen will. Kommt vor, wenn auch selten. Ich schalte also dieses Gerät ein, es war auf Pro7 gestellt. Es lief grad die Low-Budget-Kopie, die Pro7 (darf ich nochmal daran erinnern?) von Takeshi's Castle gemacht hat. Letzters ist wohlgemerkt 20 Jahre alt, ein vollkommen veraltetes Format und war damals schon in seinen besten Momenten schlecht. Nun lief also der billige Abklatsch, der übrigens den Namen "WipeOut – Heul nicht, lauf!" trägt. Ich lasse das mal sacken. Bitte, lieber Leser, liebe Leserin, bitte lies dir den Namen einmal laut vor. Und nun noch einmal bitte. Nun nochmal sacken lassen und sich irgendwie unwohl fühlen. Nein wirklich, tu es. Das guckte ich also aus Versehen und schon nach etwa fünf Sekunden erkannte ich, der Kommentator war Matthias Opdenhövel. Ich schäme mich, mir überhaupt seiner Existenz bewusst zu sein, denn dieser Mann steht für alles, was an Fernsehen schlecht ist.
Zu sehen war irgendein armer Hanswurst, der sich an einer Wand langschob, aus der Boxhandschuhe kamen. Daneben war ein...sagen wir Tümpel. Natürlich wurde der Hanswurst schon nach wenigen Metern von einem Boxhandschuh ins Gesicht getroffen. Ein *Boing*-Geräusch wurde eingeblendet, der Mann fiel erst normal, dann in der Wiederholung in Zeitlupe ins dreckige Wasser. Ich glaube, einer der beiden Kommentatoren ergänzte noch ein "Plll-atsch". Daraufhin schob sich dieser durch und durch dreckige, von Schlamm überdeckte Hanswurst in Richtung Ufer, er war einige Sekunden im Bild. Ich wollte grade umschalten, da sagten die Moderatoren etwas, das so entsetzlich war, dass ich kurzzeitig gelähmt war. Bereit? Also gut - der Opdenhövel sagte, als der durch und durch dreckige Hanswurst im Bild war, und das denke ich mir jetzt nicht aus: "HHey" (mit betontem H), "SO kommst du hier NED rein!", in sonem "Ha HA, meine Damen und Herren, ich sagte grade etwas LUS TI GES, verstehen Sie, ja? JaHAA!". Erneut, bitte einmal laut vorlesen, dann sacken lassen. Der andere Moderator, wer auch immer den Job gekriegt hatte, meinte daraufhin: "Spräschen so die jungen Leute heutzutaje?" in seltsam rheinländischem Akzent. Opdenhövel antwortete: "Bushidos Kinder auf jeden Fall", in einem "ich bin KECK und schlagfertig, he-HEY meine Damen und Herren"-Ton. Und wieder, bitte einmal laut vorlesen, sacken lassen.
Jetzt zu dem Gedanken, der mich so fasziniert. Irgendwo bei Pro7 muss es jemanden geben, der die Berufsbezeichnung "Programmchef" trägt. Und diesem Mann werden, zusammen mit einigen anderen leitenden Angestellten, alle neuen Formate gezeigt. Dieser Mensch muss eine Aufzeichnung dieser Sendung bekommen haben, da sie ja neu im Programm ist. Und er muss sich das angeschaut haben, auch diese Stelle, und dann muss er überlegt haben. Er muss nachgedacht haben. Und er musste sich Fragen stellen. War das, was ich da grade gesehen habe, gut? Wir haben diesem Team Geld gegeben, damit es eine Sendung für diesen Sendeplatz produziert. Ist das gutes Fernsehen? Wollen unsere Zuschauer das sehen? Gefällt mir persönlich das? Kann ich sagen "Ja, das war gut!"? Wie wird sich das auf die Reputation des Senders auswirken? Hat diese Sendung eine Aussicht, Relevanz zu erlagen und sich gegen andere Programme um diese Zeit durchzusetzen? Gibt es nicht bessers, das wir senden könnten? Kurzum: War das jetzt gut?
Und dieser Mensch muss die Leute angeguckt haben, die diese Sendung aufgenommen haben, und er muss zu ihnen gesagt haben: "Ja, das habt ihr gut gemacht. Ihr habt das Geld, das wir euch gegeben haben, sinnvoll genutzt und ein gutes Produkt geschaffen. Dieses Produkt werden wir deutschlandweit im Fernsehen senden. Gute Arbeit.". Das muss er gesagt haben. Und jetzt der Gedanke, der mich nicht loslässt. Was für ein Mensch muss man sein, damit man zu dieser Antwort kommt? Was für ein Leben muss man geführt haben, um bei dieser Bewertung zu landen? Was muss mit einem normalen Menschen passieren, dass er so entscheidet? Wie kann man einen Menschen wie dich und mich so komplett in all seinen Grundfesten erschüttern, so vernichten, so brechen, dass er sagt "Ja, "WipeOut – Heul nicht, lauf!" sollte auf unserem Sender laufen. Denn es ist eine gute Sendung."? Wie kann man sich selbst so umbringen, dass man diese Antwort gibt?

Ich habe den Fernseher ausgeschaltet, bevor der Hanswurst am Ufer angekommen war. Nachdem ich, wenig später, mit dem Schreien endlich aufhören konnte, setzte ich mich vor meinen Computer, hörte SEHR laut klassische Musik wie etwa von Brahms und las im Kulturteil der FAZ. Denn ich fühlte mich schmutzig. Von innen heraus. Und diese Kulturkeule konnte den stechenden Gestank des Abschaum-Fernsehens größtenteils vertreiben. Aber eben nicht komplett. Ich behaupte ja nicht, dass meine kleine Schrottseite hier kulturell jeglichen Wert besäße, auf keinen Fall. Aber ich betreibe nicht einen der größten Fernsehsender dieses Landes. Mein Gott...was wir der Umwelt antun ist schlimm. Was wir den Tieren antun ist schlimmer. Aber was wir uns selbst antun, das ist unerreicht.

6 Comments:

Blogger Alph sagte...

Der letzte Satz trifft den Punkt sehr schön.

Trotzdem teil' ich deine Meinung nicht. Nicht zu WipeOut, die Sendung geht mir genauso am Arsch vorbei wie vieles andere das gesendet wird. Aber mach' nicht die Sender dafür verantwortlich, was gesendet wird und was nicht. Die Quoten sind ja meistens entscheidend. Schauen viele Leute zu, gibts noch ne Staffel, und wenns immer noch erfolgreich ist, noch eine. Im Falle von WipeOut ist das nicht der Fall, wird also (ich geh bei den Quoten jetzt Mal davon aus) nicht verlängert. Ganz einfaches Darvinsches Prinzip. Der Schwache (in dem Fall Unbeliebte) stirbt aus. Im Prinzip machen also die Zuschauer das Fernsehen.

Nur im Prinzip, da hast du schon Recht. Das Problem ist ja, dass sich Sender nicht mehr allein auf 'Boah, die Quote ist ja klasse!' konzentrieren, sondern auf die Relation Kosten<->Quote. Qualität kostet meistens, und damit ist der Quotendruck meistens viel höher als bei abgedrehten Shows oder der billigen 10. Auswanderungs-Dokusoap. Quotendruck heißt natürlich auch hohes Risiko. Bringt die teure Produktion scheiß Quoten, hat der Sender im schlimmsten Fall Millionen in den Sand gesetzt. Bei einer billigen Produktion kann man sich logischerweise auch geringere Quoten leisten, und vielleicht hat man ja Glück, und die billige Show wird zum Quotenhit. Wenn nicht, hat der Sender nix verloren, bis auf die paar 10.000€.

DAS ist glaube ich das größte Problem des Privatfernsehens... in die Lücke sollten gerade die öffentlich-rechtlichen Sender einspringen, was desöfteren schon sehr gut klappt (nirgendwo anders könnte ich mir Reportagen in der Qualität vorstellen als bei den ÖR), oft aber eben auch nicht (Seien es Telenovelas oder die 20 Zoodokus, die sich das ZDF leistet).

Trotzdem, private Fernehsender sind immer noch Unternehmen wie all die anderen auch. Dort geht es zuerst um Rendite, erst dann um das Wohlergehen des Zuschauers. Gerade in werbefreien Zeiten wie dieser.

23.04.2009 23:26:00  
Blogger Darth Puma sagte...

Wie immer hast Du es unübertroffen auf den Punkt gebracht. *schmunzel*

24.04.2009 08:45:00  
Blogger Maak sagte...

wieder mal sehr geil.

das format wipeout hat allerdings nicht pro7 von takeshi abgeguckt, sondern von den amerikanern, die es bei takeshi abgeguckt hatten. denn in den heiligen staaten von westhemisphäre läuft der scheiss schon etwas länger unter dem namen wipeout - womöglich sogar erfolgreich...

was meiner meinung nach wirklich wirklich wirklich schade ist, ist die tatsache, dass pro7 sich mehr und mehr in richtung rtl-niveau bewegt. war ich einst DIE zielgruppe von pro7, so vergrämen die mich nun seit einigen jahren mehr und mehr mit sachen wie gallileo mystery und anderen sendung für die man echt fremdbeschämt sein muss.

und so gibt es derzeit keinen sender mehr der auf meine bedürfnisse zugeschnitten ist und ich bin gezwungen mir mein wunschprogramm illegal und ohne werbung aus dem netz zu ziehen - oftmals monate bevor es überhaupt hier gesendet wird. mich macht es glücklich, die mediengeldmaschine sicherlich nicht.

24.04.2009 09:13:00  
Blogger PropheT sagte...

@maak: ich sehe das nicht als reines problem von pro7, sondern des mediums fernsehen - die Zeit des "das bieten wir an, das müsst ihr gucken" ist vorbei, lang lebe die zeit des "ich will jetzt das und das gucken"

@alph: schöne darstellung des verhältnisses von quote und kosten. mir ging es aber hier mehr um etwas, das mit fernsehen inzwischen nix mehr zu tun hat: sowas wie qualitäts-ethik.
moralischer erhobener zeigefinger und so.

24.04.2009 09:53:00  
Blogger Okami Itto sagte...

Ach je, über sowas denk ich gar nicht erst nach. Ich guck den Scheiß nicht und damit hat sich die Sache für mich erledigt.

Aber vor allem den letzten Teil, den Du geschrieben hast, kann ich gut nachvollziehen. Dieses, ich nenn es mal "sich schmutzig fühlen" habe ich, wenn ich denn mal an solchen Sendungen beim Durchzappen hängen bleibe, auch immer.
Ich rege mich sogar darüber auf, dass so ein geistiger Dünnschiss produziert und gezeigt wird, aber noch schlimmer, dass der dann auch noch, scheinbar zumindest, bei einem Publikum Anklang findet.

Ich sollte mich nicht darüber aufregen und auch meine Freundin redet dann immer auf mich ein, dass mir sowas doch am Arsch vorbeigehen sollte, aber es geht einfach nicht, wenn man es mal gesehen hat. Das ist einfach zu scheiße.

In dem Sinne: guter Text, unterschreibe ich so.

24.04.2009 10:12:00  
Blogger Rotfell sagte...

@okami itto: dito! :)

24.04.2009 10:59:00  

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