Von prophet am Sonntag, Juli 26, 2009 um 19:23

Mein schlechter Vergleich

Mein Verhalten was Serien angeht stößt sich an dem Modell des Fernsehens: Ich ertrage es nicht, jeweils eine Woche zu warten bis eine neue Folge erscheint, die ich dann sehen muss, wenn der Sender es mir anbietet. Ich bevorzuge es, sehr viele Folgen auf einmal, direkt hintereinander zu schauen, und so innerhalb kurzer Zeit viel der Serie meiner Wahl aufzusaugen. So geschah es mit dem Großteil von House, so geschah es mit Trailer Park Boys in Gänze, so geschieht, nein, geschah es in den letzten paar Tagen mit Scrubs. Was mir an Serien immer wieder gefällt, was es im echten Leben so kaum gibt, ist, dass fast alle Leute in ausformulierten Monologen reden UND DENKEN und aus Erlebtem moralisch lernen. Man stelle sich vor, im echten Leben liefe es wie am Ende einer Folge Scrubs.

Alle Nebengeräusche werden leiser, die Kamera zoomt an mein nachdenkliches Gesicht heran und die ersten Töne einer Gitarre kündigen ein Indypop Acoustic Alternative Rock Lied an (das cover von hey ya ist großartig, beim Lesen anhören). Meine Stimme erklingt mit einem leichten Hall-Effekt.
...Manchmal scheint es nach einer langen Zeit voller Probleme so, als wäre kein Ende in Sicht und als wären die Hindernisse auf unserem Weg unüberwindlich. Ob es nun um die Bewältigung der Fehler aus der Vergangenheit geht...
Überblendung. Peter Harry steht in seinem Büro in Kiel vor der großen Scheibe, an die der Regen prasselt. Er hat seine Krawatte gelockert und schaut müde aus. In seinen Brillengläsern spiegelt sich die graue, nasse Welt vor der Scheibe und er guckt gedankenverloren durch das Glas. Die Kamera zeigt die Zeitungen, die auf seinem Arbeitstisch liegen - gefüllt mit Titelseiten, auf denen von der Auflösung des Landtages und den Skandalen um seine Involvierung in die Zahlungen an den Chef der HSH geht. Peter Harry dreht sich um, guckt zu seinem Tisch und seufzt.
...um Erwartungen, die alle gegenwärtig an einen stellen...
Überblendung. Steve Ballmer stützt seinen Kopf auf seine Hand. Ihm gegenüber sitzt eine feuchtgekämmte Auswahl der teuren Anwälte, die beauftragt wurden, mit den Klagen der EU-Kommission wegen der angeblichen Markteinschränkung durch den Internet Explorer in Windows 7 zu dealen. Sie berichten ihm davon, dass der andauernde Prozess aussichtslos erscheint und alle angeordneten Proteste gegen die Entscheidung der Kommission ausweglos sind. Ballmer massiert sich die Stirn und starrt auf die Akten, die vor ihm liegen.
...oder um die Gestaltung der eigenen Zukunft.
Überblendung. Ich liege in meinem Ohrensessel (nein wirklich!) vorm PC. Die Rollos sind heruntergelassen, es ist dunkel und durch die Abhitze von Rechner und Bildschirm warm im Raum. Ich rutsche noch ein wenig, um eine bequemere Position zum Skifliegen zu finden und blicke dabei zufällig auf mein Abiturzeugnis, das auf dem Schreibtisch mir gegenüber liegt. Ich denke daran, dass selbst der größte Gammler, den ich kenne, ab nächstem Monat endlich einen Job hat (Viel Glück!) und klicke die nächste Folge Scrubs an. Hab ja Zeit.
Dabei müssen wir oft feststellen, dass das größte Hindernis in unserem Weg oft nur unsere eigene Sturheit ist, die wir mit einer einzigen starken Entscheidung überwinden können.
Überblendung. Peter Harry setzt sich und tippt eine Nummer in sein Telefon ein. Nach kurzem Warten sagt er: "Hallo Dirk, ich bins. Ich muss mit dir wegen dem Geld reden. Hör mal. Das war so nicht in Ordnung..."
Überblendung. Steve Ballmer lehnt sich in seinem ächtzenden Sessel zurück und blickt die Decke an. "Also gut", sagt er, "wir geben nach. Bieten wir halt auch andere Browser an. Was solls." Die Anwälte gucken erstaunt.
Überblendung. Ich liege in meinem Sessel und will die nächste Folge Scrubs anklicken. Ich gucke kurz ins Nichts. Dann setze ich mich stattdessen aufrecht hin, schließe den Tab und tippe die Adresse der Jobbörse der Arbeitsagentur ein. Die Kamera zoomt raus, die nächste Einstellung zeigt wieder mich, wie ich durch Listen von Ausbildungsplätzen scrolle.
Wenn wir durch andere endlich lernen, dass das eigentliche Hindernis nur in unserem Kopf sitzt, erscheint es oft gar nicht mehr so groß und abschreckend und ist schneller überwunden, als man erst glaubte.


...Nur IST das Leben keine Scrubs-Folge. Carstensen hat Herrn Nonnenmacher nicht angeraten, das Geld nicht anzunehmen, weil er auf einmal moralische Klarheit erfahren hat, sondern weil er nun in den Wahlkampf für die vorgezogene Neuwahl gehen muss und glaubt, so noch ein wenig PR zu retten. Microsoft hat das Installationsangebot anderer Browser nicht eingebaut, weil Steve Ballmer in sein Herz geblickt hat, sondern weil es juristisch keinen anderen Weg gab und eine Strafgebühr der EU ihn zu teuer zu stehen kommen würde. Außerdem glaube ich nicht, dass die Option für die alternativen Browser allzu auffällig präsentiert sein wird. Und ich...ich hab mir ein, zwei Stellen kurz näher angeschaut und dann weiter Scrubs geguckt. Das Leben ist nunmal leider keine romantisch-idealistische Fernsehserie.

3 Comments:

Blogger Madse sagte...

Scheisse, hast du auch irgendwann mal nicht Recht? Letztenendes ist unser groesster Feind der sog. innere Schweinehund... Aber was hilfts schon, wenn mans weiss...

27.07.2009 01:29:00  
Blogger Maak sagte...

wenn du nicht schon längst was wärst, so würde ich dir sagen wollen aus dir wird noch was.

27.07.2009 08:33:00  
Blogger PropheT sagte...

@Madse: Wie schon Dr. Cox erkennen musste, als Dr. Kelzo durch Dr. Maddox ersetzt wurde: Der beste Feind ist immer der, den man kennt.

@Maak: was bin ich denn? Ground Control to Major Bummer!

27.07.2009 22:52:00  

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