Distortion
Der trübe Regen trommelte leise an das schmale Fenster und lief in dünnen Bahnen an der Scheibe herab. Perry kniff die Augen zusammen und betrachtete den alten Mann und die alte Frau, die gebeugt zum Haus nebenan gingen. Beide trugen schwarz. Der Mann zog seine Keycard aus der Tasche, öffnete die Tür und hielt sie für seine Frau auf, die ins Haus ging, er selbst aber blieb noch kurz stehen, nahm seinen schwarzen Hut vom Kopf und blickte nach oben, der massiven Wolkendecke entgegen, die die Megacity zu ersticken schien. Er wischte sich die Augen, dann trat auch er ins Haus.Perry kratzte sich mit schabendem Geräusch am Hals und drehte sich vom Fenster weg. Schlurfend schob er sich durch die hohen Papierstapel, die seine Wohnung dominierten. Etwa drei Viertel von ihnen waren bedruckt. Bisher. Es war alles der selbe Druck: Ein Krake mit grimmigem Gesicht oben, in der Mitte ein Slogan und unten einige Halbsätze in Listenform. Auch wenn er versuchte, es sich abzugewöhnen, wieder blickte Perry hinüber zu dem kleinen Ventilationsschacht, vor den er einen hohen, mit Hüten behangenen Kleiderständer gestellt hatte. Die Hüte hatte er extra dafür gekauft. Sie verstellten den Schacht komplett. Und doch warf er immer wieder einen kontrollierenden Blick darauf. Er war sich sicher, dahinter ein Objektiv entdeckt zu haben.
Ächtzend ließ er sich auf seinen hölzernen Stuhl fallen und hockte sich vor seinen Computer. Er musste sich immer noch an die Handhabung gewöhnen, die so viel komplizierter und aufwändiger war als die der modernen Pods und Gears und was man in dieser Stadt alles verwenden musste. Keine bunten Icons, die man mit Touch einfach auf dem Bildschirm umherschob und vor allem keine Assistenten, die analysierten, was man tat, um dann Verbesserungsvorschläge zu geben. Das hier war harte, unangenehme Arbeit. Aber er wollte es so. Mit den Dokumenten, die er auf dieser von jeglichen offiziellen Netzen abgekapselten Maschiene hatte in Gears zu arbeiten, nein, da hätte er auch gleich nackt und um sich schießend in eine Ordinatoren-Station stürmen können, mit einem Schriftzug auf der Stirn: „Bitte nehmt mich fest!“. Er scrollte durch die Bilder, die er heute morgen aus dem Ausland bekommen hatte. Bei ihrer Beschaffung wäre er fast erwischt worden.
Die Photos, sie waren mit einer kleinen Drohne aufgenommen worden, zeigten Bilder einer rostigen Plattform zum Abbau irgendwelcher Gase. Sie stand in einer öden, grauschwarzen Landschaft, gefüllt nur mit Steinen, nicht mit Pflanzen. Man konnte die Tageszeit nicht genau feststellen, wie es in den Badlands nunmal so war. Ein Senkrechtstarter landete unweit der Plattform und Männer in Infanterie-Rüstungen stiegen aus. Alle trugen Gewehre, aber niemand ein Abzeichen, nichtmal der Transporter. Einige Bilder später standen die Männer vor den großen, stählernen Rohren, die Luken an den Seiten hatten. Im Bild darauf zielten sie alle auf das selbe Ziel. Perry tippte wieder ein Bild weiter. Einige Soldaten waren umgefallen, einige fielen grade und alle anderen blickten ziellos umher. Blut schien sich auf dem Boden auszubreiten. Nächstes Bild. Alle lagen auf dem Boden. Nächstes Bild. Eine handvoll Männer in braunen, weiten Mänteln stand um den Haufen der Toten herum. Auch sie trugen alle Gewehre, aber weitaus primitivere, als die der gefallenen Soldaten. Nächstes Bild. Sie sammelten die Waffen der Erschossenen auf. Nächstes Bild. Die Männer zeigten auf etwas außerhalb des Bildes. Nächstes Bild. Der Senkrechtstarter hatte abgehoben und schwebte nun vor dem dunklen Himmel. Nächstes Bild. Er explodierte in einem riesigen Feuerball. Perrys Augen wurden immer größer. Nächstes Bild. Die Männer in den brauen Mänteln klopften einem der ihren auf die Schulter. Er hielt eine altmodische Panzerfaust. Perry zögerte. Hatte er diesen Mann nicht schonmal gesehen? Er zoomte an das Gesicht heran und verlor die Fassung. Ungläubig lehnte er sich zurück. Wen er vor sich sah, da war er sich ziemlich sicher, war einst einer der wichtigsten Köpfe des Kraken. Chef-Etage. Hatte mehr Transparenz für den Mega-Konzern versprochen, doch bevor es irgendwelche Resultate gab, hatte er einen Unfall mitten in der Stadt. Krachte mit seinem Mini-Flieger in einen der Wolkenkratzer. Die ganze Stadt hatte es gesehen, die Kameras sogen den Moment damals auf.
Mit zitternden Händen schloss Perry die Bilderserie und starrte auf den leeren Bildschirm. In seinem Kopf ratterte es. Mehrere Minuten saß er da, ohne eine Regung, alleine mit seinen Gedanken beschäftigt. Es war still in seiner dunklen Wohnung mit den vielen Stapeln. Nur den Regen und das Hintergrundsummen der Stadt hörte er. Es klang wie ein Schwarm Bienen, wenn der Zug auf seiner Hochbahn vorbeizischte. Nicht, dass es Bienen noch geben würde.
Ein blechernes Geräusch gongte durch sein Wohnzimmer und durch seinen Verstand. Er stand auf und ging an die Tür, schaltete den kleinen Monitor ein und sah die Frau, die draußen stand. Er kannte sie nicht. Sie trug einen langen, hellgrauen Mantel und weiße Kleidung darunter. Schlecht aussehen tat sie nicht. Sie blickte in die Kamera und hielt einen Ausweis vor die Linse. Fluchend lief er auf und ab. Scheisse, was jetzt? „Ich bin nicht da“ würde nicht funktionieren. Der Mini-Lautsprecher übertrug ihre Stimme von draußen. „Perry, ich weiß, dass Sie da sind. Entweder Sie machen jetzt die Tür auf oder ich komme einfach so rein.“ Schweiß perlte seine Stirn hinab. Wenn die die Unmengen an Flugblättern sehen...
Mit einem Krachen sprang seine Tür auf. Noch bevor er sich komplett umgedreht hatte traf etwas hartes sein Kinn und schickte ihn zu Boden. Durch die Sterne, die er sah, drang die Stimme der Frau nicht mehr hindurch.
Labels: Kaine














0 Comments:
Kommentar veröffentlichen
<< Home