Von prophet am Dienstag, August 18, 2009 um 11:41

Public Enemies

Das Gangsterszenario im Chicago der 1930er Jahre ist in meinem Augen auf der Coolness Skala verdammt weit oben. Zu ebenjener Zeit spielt der seit dem 6ten August laufende, auf wahren Begebenheiten basierende "Public Enemies", der sich um John Dillinger (Johnny Depp) dreht, der mit seiner Bande zu dieser Zeit Banken ausraubte und vom FBI, allen voran Agent Purvis (Christian Bale) gejagd wurde. Während Dillinger mehrere Banken überfällt und der Bundespolizei immer wieder entkommt, selbst, nachdem sie ihn schon eingesperrt haben, trifft er eine Frau (Marion Cotillard), mit der er sich vom Verbrechertum absetzen will, sobald er genug Geld über hat. Dabei wird der Kampf zwischen Mobstern und dem FBI immer härter, das herrschende Syndikat verweigert ihm die Rückendeckung, seine Freundin wird verhaftet und schließlich ist Dillinger selbst der letzte Überlebende seiner Gang, um den sich die Schlinge zuzieht.
Dillinger selbst wird von Johnny Depp, der tatsächlich auch noch Rollen spielen kann, die weder albern noch gaga sind, überzeugend gespielt, jedoch wurde dem Charakter außer dem zur Schau gestellten Selbstvertrauen, der Coolness auch in Schießereien und dem seltenen Gentleman-Gehabe wenig an Wesenszügen zur Verfügung gestellt, sein gesamter Hintergrund wird von ihm in vier Sätzen zusammengefasst. Ebenso ist es mit seiner Freundin, die weltfremd und schüchtern ist und Dillingers Arbeit nicht gutheißen kann, sich jedoch zu ihm hingezogen fühlt. Leider sind die Charaktere dadurch viel zu schnell durchschaut und somit wird die Lovestory des Filmes enorm öde. Was der Film leider auch benutzt sind Nebencharaktere, die nur eine Eigenschaft haben sollen - der grobschlächtige, brutale FBI Agent, der Dillingers Freundin ohrfeigt; der dämliche Bankräuber der unnötige Risiken eingeht und um sich ballert; et cetera. Ich sage nicht, dass die Schauspieler schlecht sind, ich sage, dass die Charaktere schlecht bzw. zu oberflächlich geschrieben wurden. Kaum funktioniert die Gewichtung zwischen den Gegenspielern Dillinger und Purvis, da sich die beiden Personen auf unterschiedlichen Wegen nie ebenbürtig erscheinen, zumal Dillinger die Staatsmacht oft wie Idioten darstehen lässt, etwa, als er persönlich in ihr Büro marschiert.
Was leider ebensowenig wie die Charaktere rüberkam, war, wieso Dillinger als eine Art Volksheld galt und bei der Bevölkerung so beliebt war, die Wirkung der ersten Weltwirtschaftskrise kommt nicht wirklich durch und man wundert sich, wieso die Leute ihm im Auto bei seiner Verhaftung zuwinken.
Großartig macht der Film jedoch die Actionszenen, die Verfolgungsjagden in Oldtimern und Schießereien mit Tommy-Guns sind super inszeniert und wirken dabei erfreulich realistisch, was auch an der Kameratechnik liegen mag - der Film wurde digital aufgenommen und nicht auf 35 mm, außerdem wurden oft recht wackelige Handkameras verwendet und die Beleuchtung hält sich sehr zurück. Dadurch sieht der gesamte Film aus, als wäre er nicht mit professionellen Filmkameras aufgenommen worden. Andere Leute finden, dass das abstoßend billig aussieht. Ich fand das grade gut, weil man so ein viel stärkeres Gefühl von Realismus und Mittendrin bekommt. Geschmackssache. Mir ist es positiv aufgefallen.

Fazit: Ein guter Actionfilm, ein sehr schlechter Charakterfilm, ein guter Historienfilm, ein grauenvoller Liebesfilm. Die 139 Minuten hätte er nur haben brauchen, wenn er nicht so oberflächlich geblieben wäre. Kann man gucken, muss man aber nicht. Tipp: Wenn man auf das Szenario steht und sich mehr Tiefe erhofft, dann möge man, wenn man es nicht schon kennt, das großartige Road To Perdition anschauen.

5 Comments:

Blogger Mary Malloy sagte...

Road to Perdition! Ungeschlagener Lieblingsfilm, also einer von vielen, aber schlichtweg klasse!

Und wer ist eigentlich dieser Depp da im Film?! :D

18.08.2009 13:50:00  
Blogger Darth Puma sagte...

Ich fand den Film, mit Verlaub, megabesch...

18.08.2009 23:08:00  
Blogger Okami Itto sagte...

Der Film war zu lang, die Charaktere und ihre Entwicklung kamen zu kurz, die Zeit-Epoche war zwar von der Ausstattung her gut eingefangen, atmosphärisch aber eher mau. Das Duell Dillinger-Purvis bzw. Depp-Bale kam nie richtig in Fahrt und konnte kaum Dramatik aufzuweisen, ebenso wie die Liebesgeschichte.

Auch wenn Michael Mann (ich kann mit dessen Filmen einfach nichts anfangen) wohl eher versucht hat, den Mythos Dillinger auf Zelluloid zu bannen, anstelle einer wirklichkeitsgetreuen Biographie, kann er mich auch hier wieder nicht überzeugen. Weniger denn je. „Public Enemies“ ist ein halbgarer Action-Film, eine miserabler Charakterstudie und ein missglücktes Drama.

Vor allem jedoch dieser Handkamera-Look reicht dem Film ganz und gar nicht zu Güte: der war schon in "Collateral" nicht so dolle. Das setzt sich hier fort. Das schaut einfach nur noch wie ein Making-Of oder wie eine Film-Dokumentation aus (vor allem letzteres kann der Film nicht für sich beanspruchen, selbst nicht als Fake-Doku im Filmgewand (siehe auch: "Forgotten Silver"), auch wenn er das scheinbar nicht sein will, womit dann allerdings die Nutzung dieser Kamera als Stilmittels ad absurdum geführt wird).
Für mich stellt das einen der signifikantesten Gründe dar, warum der Film kaum Atmosphäre entwickelt. Er will gern ein Kino-Film sein, schaut aber aus wie das nächstbeste RTL-Making-Of. Das wirkt sich, meiner Ansicht nach, auch auf die Charaktere aus: sie wirken kaum auf den Zuschauer, weil man nicht mehr die Filmrollen sieht, sondern die Schauspieler, welche eine Rolle in einem Film spielen. Durch den "realistischen" Look wird die Illusion zu Nichte gemacht.

Im Kino sieht man Träume, Fantasien und Geschichten - aber nichts was aussieht, als hätte man seine Nachbarn bei der Nachstellung eines Banküberfalls mit der Digi-Cam gefilmt.

Ergo: kann man definitiv nicht gucken. Dann wirklich lieber "Road to Perdition". Sam Mendes kann wenigstens noch einen wirklichen KINO-Film inszenieren.

19.08.2009 19:19:00  
Blogger PropheT sagte...

Dass Road to Perdition ein toller Film ist und dass die Charaktere in Public Enemies flach und belanglos sind, darauf können wir uns ja einigen.

Ich versteh nur nicht, warum alle Welt diesen Look hasst. Dieses Handkamera-Ding find ich GRADE gut. Dadurch sieht der Film nicht aus wie ein FILM, den man sich distanziert anguckt, in dem irgendwelche Schauspieler das tun, was sie immer tun, sondern wie echte Geschehnisse und das find ich wesentlich geiler.

19.08.2009 21:48:00  
Blogger Okami Itto sagte...

Mich hat die erste halbe Stunde von "Private Ryan" mehr in den Bann gezogen und dort fühlte ich mich mehr in dem Film drin. Ebenso bei "Children of Men", bei den großartigen One-Shot-Scenes.
Das hat "Public Enemies" NIE erreicht. OK, zumindest nicht bei mir.
Trotzdem haben gerade Spielberg und auch Cuarón bewiesen, dass man nicht einen solchen billigen Look, welchen Mann in seinen neusten Filmen anwendet, braucht, um eine mitreißende Szene zu schaffen, die einen gewissermaßen in den Film "reinzieht".
Um das damit nochmal klarzustellen: ich habe nichts gegen einen realistischen Look, der den Zuschauer vergessen lässt, dass er einen Film guckt, der ihn gewissermaßen mitten im Film "stehen" lässt. Aber was Michael Mann da fabriziert, wirkt eben einfach nur billig. Und zwar von der Art, dass man nicht mehr im Film drin ist, sondern eben, wie vieler Orts schon beschrieben, nur noch Schauspieler sieht, die eine Rolle spielen; dass man Kulissen sieht und keine Schauplätze; dass man ständig das Gefühl hat, ein Drehteam im Hintergrund zu haben.
Das stört mich an der ganzen Sache. An dem Stil ist nichts innovativ. Bessere Regisseure als Mann haben es stilvoller geschafft, dem Zuschauer das von Dir beschriebene Gefühl des "Mittendrin" zu geben.
Dieser Billig-Look wirkt höchstens noch bei Fake-Dokus oder solchen Filmen wie "Blair Witch Project", "Cloverfield" oder "Dirary of the Dead". Aber bei einem solchen oppulenten und dramatischen Gangsterfilm, der mehr auf Schauwerte als auf Darstellung ausgelegt zu sein scheint, wirkt das ganze eher contraproduktiv. Wobei Du vor allem bei "Public Enemies" beachten solltest, dass hier eine Legende bebildert und ein Mythos erzählt wird. Abgesehen davon, dass die Charakterisierung dafür schon zu schwach ausfällt, wirkt es merkwürdig, ausgrechnet für dieses "Dillinger-Märchen" (ja, er basiert überwiegend auf den wahren Tatsachen, aber ist dennoch eher ein fiktionales Heldenlied denn Biopic) zu versuchen, einen realistischen Look zu erzeugen.

Zum Schluss will ich noch einmal klar stellen: Kino ist für mich Unterhaltung, Fantasie, wunderbares Geschichtenerzählen und eben Fiktion (egal ob ein Film auf wahren Begebenheiten basiert oder nicht, letztendlich ist er überwiegend Fiktion, der sich aus der Geschehenes nachspielt und wiedergibt). Und dafür brauche ich keinen billigen DTV-Digi-Cam-Look. Das wirkt vielleicht realistischer, was aber eben das Krux an der ganzen Sache ist, dass man aus der Fiktion gerissen wird.
Aber wenn ich Realität sehen will, gucke ich mir doch besser eine Dokumentation oder die Nachrichten an. Dafür gehe ich nicht ins Kino.

19.08.2009 22:51:00  

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