Speis' - Ein Epos in vier Akten
Akt 1Szene 1
Müde schleppte sich das rattenartige Schuppentier über die Müllhalde, auf der es geboren war. Sein Diätplan beinhaltete seit Jahren ausschließlich eines: Müll aller Art. Von vergammelten Essensresten zu Plastikschrott oder leeren Batterien, das hässliche Vieh mit den knorrigen Beinen fraß, was die Zivilisation an Abfall zurück ließ. Seit es aus den Fässern mit dem leuchtenden Schlick gefressen hatte, fühlte es sich komisch. Nachdenklich, zumindest so sehr, wie man mit dem IQ eines Steines sein kann, kratzte sich das Tier mit einer Pfote am Nacken, von der es gar nicht wusste, dass es sie hatte. Ein Husten schüttelte es durch, und wieder würgte das unsäglich stinkende Lebewesen einen Klumpen Schleim hervor. Gesund fühlte es sich definitiv nicht.
Manchmal kamen Krähen, um an dem Tier zu zupfen, weil sie aus der Luft nicht erkennen konnten, dass es noch lebte. Auch der Geruch gab keinen Aufschluss über den Vitalitätsstatus der Kreatur. Hundselend schleifte sich das knorrige Vieh mit der narbigen Schuppenhaut an das kleine Rinnsal, das durch die Müllkippe floss und trank aus dem stinkenden Wasser, das vermutlich ein Best-Of der Extremente aller nur denkbaren anderen Tiere enthielt. Erschöpft schloss das Tier die Augen und schlief ein.
So lag es dort, einige Stunden, und merkte nicht, wie der Regen einsetzte, der das schmutzige Rinnsal der Müllkippe zu einem bemerkenswert starkem Strom anschwellen ließ und das Tier mit sich riss. Die braunen Fluten ergossen sich, samt dem Tier und sonstigem Treibgut, in den nahen Fluss, der in einen noch größeren Fluss mündete, der in einen noch größeren Fluss mündete.
Kurz bevor es ertrank, erwachte das Tier. Es spürte, dass es keinen Boden unter den dreckigen Krallen mehr hatte und geriet in Panik, doch alles Strampeln nützte nichts – das schmutzige Wasser drängte in die schwarze Lunge der Kreatur und ertränkte sie jämmerlich.
Szene 2
Einige Kilometer weiter flussabwärts fuhr ein Schiff die trüben Gewässer hinauf und schleppte ein Netz hinter sich her, in dem sie die wenigen, hässlichen und geschmacksneutralen Fische des Flusses fingen.
Szene 3
Die Ladung des Bootes fand sich, diverse Tage später, bei knapp über Zimmertemperatur in den Hallen der bulgarischen Nahrungsmittelfabrik „Kotcz“ wieder. An einem Fließband saß Olga, eine dicke Frau Mitte 50, die seit Sowjet-Zeiten hier das Ungenießbare von dem trennte, was nicht ins Essen kam. Immer wieder bröselte Asche von der Zigarette der dicken Frau auf das Fließband und die Fische herab – da hob Olga eine Augenbraue, für ihre Verhältnisse ein Ausbruch an Emotionalität. Ein bräunlich-grau-grünes, rattenartiges Tier lag vor ihr und schlug ihr seinen Gestank um die Ohren. Angeekelt packte die dicke Frau mit den schwieligen Händen das Tier, beziehungsweise das, was von ihm über war, und warf es in einen schmierigen Eimer, auf dem „Sonstigecz“, bulgarisch für „Sonstiges“ stand. Der Eimer wurde alle drei Wochen geleert, die Inhalte geschreddert und als „Fleischähnliche Masse – nicht Fisch“ weiterverkauft.
Szene 4
Herr Bollwotzki erhob sich zum ersten Mal seit Wochen aus dem Sessel. Er hatte sich entschieden, einfach nicht mehr aufzustehen, und stattdessen der Natur ihren freien Lauf zu lassen. Mit einem Schmatzen löste sich der behaarte Po von Herrn Bollwotzki aus dem Sessel und gab so Ammoniak-Wolken die Gelegenheit, aufzusteigen und einen gelben Fleck in die Decke zu brennen. Der dicke Mann griff sich einen Spiegel und betrachtete mit einigen Verrenkungen sein verschmiertes Gesäß. Erstaunt stellte Herr Bollwotzki fest, dass sich ganz neue Dinge auf seinem Hintern entwickelt hatten – Pilze hingen kopfüber von seinem Po und falteten ihre grauen Hüte aus. Fasziniert beobachtete er die fremden Kulturen und griff nach seinem Telefon. Er rief bei Firma „Kotcz“, genauer gesagt dessen Lieferservice an. Er bestellte das übliche sowie einen Manager, um eine mögliche synergetische Fusion vorzuschlagen.
Szene 5
Auch wenn das CSI Paderborn abgehärtet war, das hier war selbst für sie eine Ecke zu ekelig. Sich ein Tuch vor den Mund haltend betrat Lieutenant Lütt das Badezimmer, wo bereits zwei der forensischen Kollegen Photos machten und einen Würgereiz unterdrückten.
„Was haben wir?“, fragte der coole Ermittler. „Der Mann wurde erschossen – multiple Einschusswunden auf der Stirn – und dann in die Badewanne gelegt, mit dem Wasser aufgedreht, auf sehr heiß eingestellt. Der Mann wurde quasi zerkocht, darum schwimmen Fetzen von ihm in der gesamten Badewanne – diese trübe, braune Plörre, das ist unser Opfer, literweise. Hat ihn verflüssigt. Vom Täter fehlt jede Spur.“ Cool setzte sich der Lieutenant die Sonnenbrille auf. „Sieht so aus als hätte sich der Täter, genau wie das Opfer......dünn gemacht.“
„YYYYYEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAA-“
, schrien The Who. Die Flüssigkeit ging erst an das Labor des CSI Paderborn, dann wurde es von einer bulgarischen Spezialfirma entsorgt.
Akt 2
Szene 1
„Der Japaner an sich ist ein sehr kompetativer Mensch, der schnell Obsessionen entwickelt. Ob Pokemon, Yu-Gi-Oh oder wie auch immer all diese Scheiße heißt, immer ist es der Jugendliche, der der Allerbeste in irgendwas sein will. Selbst für schüchterne, von der Umwelt verschmähte, Akne-zerfressene Teenager gibt es in Japan Wettbewerbe, in denen sich die Jugendlichen messen können: Das Wettdrücken. Hierbei müssen die pickeligen Knaben um die Wette Eimer mit dem Füllen, was sie aus ihrem Gesicht drücken.“, erklärte der Fremdenführer dem Ehepaar Koschwidder. „Kümm Erna, datt kiek wi uns an!“, sagte Ernst Koschwidder zu seiner Frau und die beiden betraten die Arena, die sich immer mehr füllte.
Szene 2
Mit einem Gong begann das Wettdrücken. Sichtlich konzentriert quetschten die jungen Männer an den Eiterbeulen in ihren Gesichtern rum, um die Eimer vor sich zu füllen. Nur einer war die Ruhe selbst, Koji Kanjakawasakitoshibadaihatsu, der Rekordmeister. Während die Knaben um ihn herum alle in ihren Gesichtern pulten, saß Koji mit verschränkten Armen auf seinem Sitzkissen und lächelte mit seinem extrem pickeligen Gesicht dem Publikum entgegen, das johlte und jubelte und Fahnen schwenkte. Lässig winkte er seinem Fanblock zu, der dies mit einem Seufzen quittierte. Der Wettbewerb wurde immer spannender. Einige der Teilnehmer hatten die Eimer bereits zu 80, vielleicht sogar 90 Prozent gefüllt, aber Koji hatte nichtmal angefangen zu drücken. Plötzlich riss er einen Arm nach oben – und sofort legte sich eine Totenstille über die Arena. Sogar die Kontrahenten hielten inne, um zu sehen, was der Großmeister, der so weit zurücklag, nun noch unternehmen würde.
„Ding Dong Ding Dong Ding Dong Ding Dong !“, schrie Koji, was in etwa soviel wie „Dreifach geflügelter Superphönix im Angriffsmodus der Stärke“ hieß, und seine Hand fing an, weiß zu glühen. Nun riss er auch die andere Hand hoch. „ Dong Ding Dong Ding Dong Ding Dong Ding!“, schrie er diesmal, was in etwa soviel wie „Legendäre Gorillafaust des Schreckens die das ganze Universum zerschmettert“ hieß, und seine andere Hand glühte in einem blauen Licht. Gebannt starrte der ganze Saal auf die Superattacke des Großmeisters, der seine Arme weit von sich streckte – und dann aufeinander schnellen ließ. Genau in der Mitte trafen sich die Fäuste in dem epischen Angriff – direkt an Kojis Schläfen. Mit einem Ruck neigte er sich über den Eimer und sein Gesicht schien zu explodieren. Ein unglaublich ekeliges Geräusch begleitete die Entleerung vieler Liter Eiter in den Eimer, der innerhalb von Sekunden überlief. Als die Druckwellen sich legten, fiel Koji nach hinten um – bewusstlos. Sein Eimer war mehr als voll. Der Ringrichter schlug gegen den Gong – Koji hatte spektakulärerweise das Wettdrücken gewonnen. Tosender Jubel folgte und die Fans tobten vor Freude. In all den Feierlichkeiten und der Euphorie fiel niemandem der „Kotcz“-Schriftzug auf den Eimern auf.
Akt 3
Szene 1
Der Südpol. Inmitten der eisigen Stürme, deren Winde wie Messer schnitten, bewegten sich zwei Gestalten durch das ewige Eis. Unter den dicken Pelzmänteln, den Skimasken und den Schutzbrillen erkannte man kaum, dass es sich um Menschen handelte. Sie waren nun schon seit zwei Stunden unterwegs und wurden immer müder. Ein großer, hervorstehender Eisklumpen gab den beiden verloren scheinenden Männern kurz Deckung vor dem Schneesturm und so kauerten sie sich dicht in die Mulde, die der Eisblock schuf. Einer der Männer zog die Skimaske hoch um zu sprechen. „Biste du sicker, dasse hier ist richtig Ort?“, fragte er mit starkem Akzent. Der andere Mann zog nun auch die Maske hoch. „Es muss hier sein! Die Karte in Shangri-La zeigte genau diese Gegend an, es ist hier, wir müssen es nur finden!“, schrie er gegen den heulenden Wind an und zog die Maske wieder runter. Der andere Mann lachte. „Oh Illinois Jones, wenn nicht du wären, ich sicher, mir wäre Mut...weggebrochen!“, sagte er, als das Eis knackte und die beiden Männer stürzten.
Szene 2
Langsam kam Illinois Jones wieder zu sich. Der Archäologe und Abenteurer sah noch alles verschwommen. Er wunderte sich: Das Eis müsste diverse Meter dick sein, wie konnten sie da einbrechen? Wo waren sie überhaupt? Mühsam setzte er sich auf und blickte sich um. Er saß auf solidem Felsboden, neben ihm versuchte grad sein Begleiter, Pjotr, aufzustehen. „Zünde mal 'ne Fackel an“, sagte er. Pjotr wühlte in seinem Rucksack, zog eine Magnesiumfackel hervor, brach sie auf und leuchtete mit dem fahlen Licht in das stille Dunkel unter dem Eis. „Sieh, Illy!“, rief er plötzlich und zeigte in die Finsternis. Dr. Jones kniff die Augen zusammen. Konnte das sein? „HA!“, rief er und ballte die Faust. „Ich wusste, dass es hier irgendwo sein musste!“, triumphierte er, als er die Stufenpyramide in der Höhle unter dem dicken Eispanzer des Südpols entdeckte.
Szene 3
Staunend schritten Illinois Jones und Pjotr durch die Gänge der Stufenpyramide. Dr. Jones war überwältigt von den kunstvollen Fresken und Reliefs in den Wänden. „Sieh dir das an!“, sagte er, „diese Schriftzeichen. Als hätte jemand Babylonisch, Maya, Keltisch....einfach alles wild durcheinander geworfen. Wie einer meiner Studenten, der die Schriften nicht auseinander halten kann und alles vermischt. Ha.“.
Sie näherten sich dem Ende des Gangs, an dem eine Art Sarkophag stand. „Wir reinschauen mal?“, fragte Pjotr. Illy nickte. Mit vereinten Kräften zogen die beiden Männer die schwere Steinplatte von dem uralten Sarg. Jones leuchete das darin liegende Skelett an. Der Schädel war länglich, die Zähne stark vorspringend. „Nicht grade der hübscheste Kerl, würde ich sagen.“, bemerkte Illinois Jones. Neben dem Toten waren diverse Schalen aufgereiht – Opfergaben, so vermutete der Archäologe, um dem Verstorbenen etwas für das Leben nach dem Tod mitzugeben. Der Inhalt einer der Schalen stach besonders hervor – eine rötliche Flüssigkeit, erstaunlicherweise nicht mal eingefroren, mit grünen Klumpen darin. „Dieses Zeug, was auch immer es ist, muss diverse tausend Jahre alt sein. Mein Gott, das ist der Beweis, dass es eine Zivilisation noch vor den Sumerern gab, und das hier, auf dem Südpol. Beachtet man, wie lange es dauerte, bis der Südpol durch Kontinentaldrift der Südpol wurde, dann sprechen wir hier von....ich habe keine Ahnung! Das wird die gesamte Archäologie aufrütteln! Sobald wir diese Relikte im Museum...“. Ein ganz hässliches Klickgeräusch unterbrach den aufgeregten Illinois Jones. Er kannte diese Art von Klicken, und er hasste sie.
„Schön langsam jetzt, Dr. Jones!“, sagte Pjotr. „Geben sie mir die Schale. Und keine dummen Gedanken.“ Langsam hob Illy die Schale, drehte sich zu dem Verräter um und reichte ihm den uralten Topf mit dem grün-roten Schleim darin. „Благодаря!“, bedankte sich der Osteuropäer.
Jones sah keine Möglichkeit, ihn zu überrumpeln. „Was willst du mit dem Zeug, Pjotr?“ „Dich geht nix an, Amerikaner!“, sagte er und ging rückwärts. „ES GEHÖRT IN EIN MUSEUM!“, schrie der Archäologe, da trat der Grabräuber auf einen leicht hervorstehenden Stein. Mit einem Rumpeln senkte sich eine Steinwand aus der Decke, unter der sich der Bulgare hinwegduckte und den Gang hinunter floh. Illy sah, dass er sich nicht mehr rechtzeitig unter der Wand durchwerfen konnte, da folgte schon das nächste Problem. An den Wänden öffneten sich Klappen, aus denen Pinguine watschelten, die Jones finster anquakten. „Pinguine! Ich HASSE Pinguine!“, knurrte der Abenteurer und kramte seine Peitsche hervor.
Akt 4
Szene 1
Szene 2
OH GOTT. Woher haben die diese Scheisse? Das ist ja entsetzlich! Bwäh! Davon muss ich unbedingt dem Internet erzählen!














4 Comments:
Haha, das ist super! Wann wird es im Theater uraufgeführt? Ich HASSE Pinguine! Darauf muss man erst mal kommen. Und der Witz mit dem dünn machen war so schlecht, dass ich jetzt noch darüber lache. Herrlich amüsant! Ich glaube, ich bin morgen so faul wie heute und poste nur einen Lesetipp. Oder gleich ein paar mehr. Dann fällt's nicht so auf.
@PhanThomas: Aktuell zur Diskussion, die Wagner-Festspiele in Bayreuth durch mein Magnum Opus zu ersetzen. Kanzlerin dagegen.
Und Westerwelle? Dafür?
Dafür. Meint, Kotcz wäre ein Vorbild liberaler Marktgestaltung.
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