Kanzlerwelten
Mit dumpfem Druck schoben sich Frank-Walter Steinmeiers Bodyguards durch die Horden der Photographen und Journalisten. Jetzt, wo der Wahlkampf in seine heiße Phase hätte gehen sollen, war er besonders gefragt von der Presse. Jeder der Nachrichtenfritzen winkte ihm zu und brüllte ihm Fragen entgegen. Frank-Walter lächelte nur und spazierte weiter durchs Blitzlichtgewitter. Einige der Fragen drangen durch den Lärm zu ihm durch. Etwa: „Herr Steinmeier, das SPD Wahlprogramm beinhaltet keinerlei Aussage darüber, wie Geld eingespart werden soll um die 1,6 Billionen Staatsschulden am Wachsen zu hindern, was werden sie tun?“. Frank-Walter reagierte nicht darauf. Denn im Wahlprogramm der SPD stand genau das, was sie vorhatten, dagegen zu zun, und was ihm persönlich dazu einfiel: absolut gar nichts. Er ließ sich nicht weiter von den Pressefritzen behelligen, lächelte ein wenig in die Kameras und schlenderte weiter zu seinem Dienstwagen, während seine Bodyguards einen Weg freischaufelten. Sorgen machte er sich vor allem um seine Haare, war er sich doch bewusst, dass die meisten Bürger ihn seiner fluffigen weißen Haare wegen mochten. Ein Termin zur erneuten Bullensperma-Behandlung war mal wieder überfällig. Der Lärm der Nachrichtenkasper kam nun nicht mehr vorrangig von vorne, sondern von hinten. Er sah auf, sie waren an seinem Dienstwagen angekommen. Einer seiner Leibwächter, wie auch immer sein Name war, hielt die Tür der teuren, deutschen Limousine auf und ließ Frank-Walter einsteigen.Die Tür schwang zu und der Minister rutschte ein wenig auf den Ledersitzen hin und her, den Blick noch einmal über die Presse schweifen lassend. Der Wagen setzte sich in Bewegung. Frank-Walter seufzte und pulte sich Fusseln vom edlen Jackett, als etwas Buntes am Rande seines Gesichtsfeldes seine Aufmerksamkeit erregte. Langsam drehte er den Kopf und blickte die Gestalt an, die auf dem anderen Rücksitz des Autos Platz genommen hatte. Es schien sich um eine Art Wilden zu handeln, ein Buschmann oder sowas. Der Kerl trug eine Holzmaske und einen Lendenschurz sowie einige Lederriemen um den sehnigen, braunen Leib, an denen einige bunte Federn befestigt waren. Und dieser exotische...Mensch starrte ihn direkt an. Ein starkes Unwohlsein machte sich in Steinmeiers Magen breit, doch sich seiner Rolle als Außenminister gewahrt, ermahnte er sich, fremde Kulturen hinzunehmen, mochten sie auch noch so verstörend und primitiv wirken. Trotzdem, der Mann war ihm unheimlich.
„Was zur Hölle haben Sie in meinem Dienstwagen verloren?“, fragte F.-W. staatsmännisch. Der Buschmann rührte sich nicht. „Wie kommen Sie überhaupt hier herein? Ich werde sie unverzüglich...“, maulte der Kanzlerkandidat. Überraschend schnell zog der Wilde ein Blasrohr aus dem Nichts hervor und pustete hinein. Mit einem fleischigen Geräusch und stechendem Schmerz rammte sich der kleine Pfeil in den Hals des Ministers, der nach einem kurzen, gluggernden Schrei bewusstlos in seinen Sitz sank.
Dunkelheit umgab ihn. Frank-Walters Körper fühlte sich steif an, unbeweglich. Mühsam versuchte er, die Augen zu öffnen. Es gelang ihm nicht und er verlor wieder das Bewusstsein.
Stunden später, er kam erneut zu sich, doch wieder spürte er, dass sich seine Glieder kaum bewegen ließen. Er stand. Sein ganzer Körper war taub, aber er stand. Er hörte ein Rauschen, vielleicht von Stimmen. Schritte. Menschen waren um ihn herum. Mit viel Anstrengung schaffte er es, seine Augen zu öffnen. Verschwommen sah er die Decke einer Halle...wo war er? Er konzentrierte sich und stöhnte und ächzte qualvoll, als er seinen Oberkörper in Bewegung brachte und sich drehte. „uuuuuuoooooaaaaaawwwwwggggghhh“, würgte er hervor, und er sah eine junge Frau. Sie starrte ihn mit offenem Mund und weit aufgerissenen Augen an, dann fing sie an panisch zu schreien und wegzurennen. Mehrere andere Leute stimmten in das Gekreische mit ein und liefen ebenso davon. Entsetzen breitete sich aus.
Der nächste Tag. Auf dem großen Schreibtisch im Kanzleramt lagen diverse Zeitungen. Sie alle hatten die selbe Titelstory: „Steinmeier gibt Zombie-Darbietung“, „Horror in Ausstellung“, „Kandidat sucht Körperwelten heim“. Frank-Walter Steinmeier war, in einen Gummianzug gesteckt und mit buntem Plastik beklebt, bei einer Körperwelten-Schau gefunden worden, wo er als Ausstellungsobjekt verkleidet mehrere Stunden still stand, so dass niemand seine Anwesendheit bemerkte, bis er sich plötzlich zu bewegen begann. In der Massenpanik, die durch den scheinbaren Zombie hervorgerufen wurde, wurden mehrere Menschen zu Tode getrampelt.
Angela Merkel lachte, und Blitze zuckten vom Himmel. Sie drehte sich, und ihr schwarzes Cape mit dem hohen Stehkragen wirbelte herum. Finster lächelnd schritt sie den schwarzen Marmor hinab bis zu dem Buschmann, der, wie an so vielen Orten, stark deplatziert wirkte. Sie hielt ihm ein Glas mit Champagner hin, das er sich zögerlich griff. „Ugu-Ma-Bugu-Schakkka!“, sagte Frau Doktor Merkel, lachte noch einmal böse, gefolgt von den Blitzen natürlich, und trank das Glas auf einmal leer. Der Buschmann kratzte sich am Hinterkopf, dann biss er ein Stück aus dem Glas und kaute genüsslich darauf herum.





































