
Nachdem die Sludge-Progrock-Musikanten Baroness drei verdammt gute EPs und eines der besten Alben aller fucking Zeiten veröffentlicht hatten, das
Red Album nämlich, oh Gott, oh Gott, es ist so perfekt, war ich natürlich seit den ersten Andeutungen eines Nachfolgealbums spitz wie Lumpi auf das, was da kommen würde: Der
Blue Record. Vorab gab es langsam immer mehr zu hören, und nun ist es raus. Aber gehen wir es Stück für Stück durch.
01. Bullhead's PsalmEin sphärisch säuselndes Intro, dessen helle, wabernde Gitarren die Melodie streckenweise zweistimmig vortragen. Ganz nett, aber mit 1:20 eben nur ein Intro. Meinetwegen. Weiter. Butter bei die Fische.
02. The Sweetest CurseDer erste Song, den es vorab gab - man merkt, wie sich Baroness verändert haben. Auf den EPs gab es noch keine Spur von herkömmlichen Songstrukturen, jetzt gibt es deutlich die Strophen, den Refrain, die (guten!) Soli. Das ganze kommt überraschend fröhlich und hell daher, überhaupt nicht so dreckig und düster, wie man es von anderen Sludge-Bands kennt, ein Genre, von dem sich Baroness mit Songs wie diesem lösen und mehr zu ...ja, was ist das? Prog-Rock? Vermutlich.
03. Jake LegDie selbe Masche wie in The Sweetest Curse, nur etwas flotter, spielfreudiger, dynamischer, mit Gitarrenspuren, die so in etwa auch auf First und Second hätten sein können (huhu Coeur). Was aber bereits nach diesem Song stört: Herr Baizley hat einen leichten Hall in der Stimme oder der Gesang wird zweistimmig vorgetragen. Ja, Gesang, es ist weniger das Gebrülle, das es noch auf den EPs gab. Dennoch, ein guter, zügiger Song, der trotz aller Konventionalität Hoffnung macht. Aber dann.
04. Steel That Sleeps the EyeEine Premiere. Zum ersten Mal finde ich einen Baroness-Song schlecht. Damit meine ich nicht "für ihre Verhältnisse"-schlecht, sondern absolut, total schlecht. Irgendwie versuchen sie sich hier an...Lagerfeuermusik? Westernklampfe, ein paar leise Effekte im Hintergrund, der wieder zweistimmige Gesang mit starkem Hall...als hätten sie Agalloch parodiert. Aber es geht nicht auf. Ein furchtbarer, lascher, langweiliger Song, ohne genug Identität, um interessant zu sein.
05. Swollen and HaloTreibender, harter Rock-Song, viel Schwung drin. Bestimmt gute Musik, um dazu zu laufen. Baizley trifft hier genau den richtigen Mittelweg zwischen seinem Gebrülle und Gesang und die Gitarren spielen ganz hervorragend miteinander. Und wieder - an sich ein guter Song, aber frei von Überraschungen.
06. Ogeechee HymnalDas hier ist das Intro, nur diesmal mit verzerrteren E-Gitarren gespielt und dann auf Bombast getrimmt, wie eine Einmarschhymne (daher auch der Titel, makes sense) kommt dieses Lied daher...um dann nach einem Drittel der Dauer in ausklingendes Dröhnen und sehr lang gezogene, helle Töne zurückzuschalten. Sind wir bei Björk? Nachdem der Song vorzeitig beendet ist, hat man Zeit totzuschlagen, in der man sich zB ein Ei braten kann oder auch über das bisher Gehörte sinnieren kann. Man fragt sich, wozu man sich so sehr auf dieses Album gefreut hat.
07. A Horse Called GolgothaDer vielleicht beste Song auf dem Album. Wie schon die ersten beiden richtigen Songs des Albums verhältnismäßig konventionell in seinem Aufbau, aber das Tempo wird angezogen, John Baizley brüllt so gut er nur kann, Schlagzeuger Allen Blickle spielt so gut wie selten zuvor. Es gibt zwei Soli, ein schnelles, das einem mit einem Tritt ins Gesicht springt (bester Moment des Albums) und ein langsames. Und der Refrain, ja der Refrain, der ist mitgröhlbar. Aber will ich einen Mitgröhl-Refrain auf einem Baroness Album?
08. O'er Hell And HideKennt ihr die erste Hälfte von "Knights of Cydonia" von Muse? Dieses gallopierende? So ähnlich funktioniert dieser Song. Statt Gesang gibt es aber düster murmelnde Voice-Samples, so Einspielungen. Das kann man mal machen, aber in meinen Ohren passen sie nicht so recht zu der Dynamik, die der Song sonst ausstrahlt. Sieht man über dieses schwer zu verstehende Gesabbel hinweg, ist O'er Hell And Hide noch einer der besten Songs des Albums. Es fällt mir wieder auf, wie...positiv Baroness neuerdings klingen, wie hell und freundlich, und wie sehr sie sich von dem heavy Gebrülle und Gefrickele und Geballere eines
Teiresias entfernt haben.
09. War, Wisdom and RhymeHuh? Nanu? Stimmen wir doch noch düsterere Töne an? Etwas. Nach einem kräftig klingenden Intro baut sich War, Wisdom and Rhyme tatsächlich noch zu dem Song auf, der am meisten...Metal auf diesem Album ist. Die Riffs sind heavier als die der anderen Songs, Baizley brüllt am meisten (spätestens hier kann man das Zweistimmige nicht mehr hören), der Song hat den meisten Groove. Kein zweites Isak, sicherlich, aber immerhin ein Anzeichen, dass sie nicht vergessen haben, wie sie klingen können. Die wohl größte Überraschung des Albums, die mit jedem Hören besser wird.
10. Blackpowder OrchardÄh. Eine Minute lang Acoustic-Gezupfe, das auch von einem Banjo kommen könnte, so südstaatlerisch klingt es, das dann von den säuselig-verzerrten Gitarren vom Rest des Albums begleitet wird. Äh. Auf dem Red Album war ein Song namens
Cockroach En Fleur. Der war auch kurz und auf der Acoustic gespielt. Aber dort hatte es einen ganz besonderen, eigenen, warmen, irgendwie mysteriösen Klang, hatte Athmosphäre, Stil, Identität. Ich weiß nicht, ob Blackpowder Orchard ein Cockroach En Fleur 2 sein soll, aber diesem Interludium fehlt alles, was C.E.F. so toll gemacht hat.
11. The GnashingEin größtenteils instrumentaler Song der Band Torche...nein Moment, das ist ja AUCH von Baroness! Scheinbar hat man sich auf gemeinsamen Touren einiges abgeschaut - dieser Song könnte auch von den Sludge-Poppern sein. Das ist jetzt nicht unbedingt negativ, aber die Ähnlichkeit springt mir doch ins Gesicht. Tiefe Gitarren die flotte, fröhliche Melodien summen. Wäre es heavier, könnte es auf
Meanderthal stehen.
12. Bullhead's LamentDas Intro des Albums, anders abgemischt, diesmal auf drei Minuten gezogen. Nicht so epochal wie Ogeechee Hymnal aufgemacht, eher...melancholisch. Mehr ist es nicht: Bullshit's Reprise.
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Fazit: Ach Baroness. Et tu. Nachdem
Mastodon schon zu Beginn des Jahres weniger intelligenten Sludge-Metal als vielmehr gewöhnlichen Progrock machten, nun auch noch die. Der Blue Record ist nicht das Desaster, für das ich es nach dem ersten Durchhören noch hielt. Songs wie "War, Wisdom and Rhyme" oder "A Horse Called Golgotha" sind unter den besten Songs der Band. Aber man kann nicht anders, als das Blaue mit dem Rotem Album zu vergleichen. Und das Blaue hat eben etwas, das das Rote nicht besitzt: Mittelmäßige Songs und schlechte Songs. Damit meine ich vor allem "Steel that Sleeps the Eye", aber auch das uninspirierte Aufwärmen des nunmal nicht besonders interessanten Intros. Oder den eklatanten Mangel jeglicher Existenzberechtigung für diesen Unfug, der "Blackpowder Orchard" ist. Wer dank der leider leider konventionelleren Songstrukturen besser darsteht als je zuvor ist Drummer Allen Blickle. Weniger gut dagegen der auf Dauer nervende, zweistimmige Gesang. Wo ist das Brüllen aus "IIIIIISAAAAAAAAAAAAKK" hin?
Baroness schlagen einen bedenklichen Kurs ein, der sie in schnöde Rock-Gefilde driften lässt. Der Blue Record hat einige Glanzmomente, die mit jedem Hören stärker hervortreten, aber auch einige Lieder, bei denen mich das kalte Grausen packt. An das Red Album - nein, da kommt es nicht ansatzweise ran. Es wird bestimmt Unmengen von Leuten geben, die davon begeistert sind, dass Baroness gewöhnlicher, "hörbarer" werden und ihre Musik in konventionelle Korsetts zwängen, dass sie jetzt heller und freundlicher klingen als je zuvor. Diese Leute können mich mal komplett am Arsch lecken.
Pro-Tipp:
Ihr wollt sowohl dicken fetten Sludge als auch Prog und Experimente, aber nicht hell und freundlich, sondern düster, hart, mächtig? Dann rate ich zu dem 2009er Rerelease von The Oceans Album "
Fluxion", einem Monster, das tatsächlich mit der tobenden Bestie Aeolian und dem gewaltigen Epos Precambrian mithalten kann. Facettenreich, bezaubernd und brutal zugleich - SO müsste der Blue Record klingen.