Das Maß aller Dinge
Die Menschheit hat viele abstrakte Dinge erfunden. Das Ding mit der größten Differenz zwischen abstraktem Wert und realem Wert ist sicherlich Geld, ein Konzept, das die Menschheit vielleicht mehr verändert hat als es Erfindungen wie Elektrizität, Telekommunikation oder Privat-Fahrzeugen je möglich war.Geld fing als abstraktes Gegenstück zu Besitz an, als es den Tauschhandel ablöste und als allgemein akzeptiertes Tauschmittel diente. Es dauerte nicht lange, da wurde Geld zum abstrakten Gegenstück für Macht. Zuerst kam dies in den Köpfen einzelner Personen an - erst wesentlich später auch in Staatsapparaten. Noch Mitte des 20ten Jahrhunderts ging es in Kriegen um Land - heutzutage hat jeder Staatsmann verstanden, dass Fläche von weit geringerem Wert ist als Geld: Wäre es anders herum, Russland wäre entsetzlich reich. Was sich in etwa zeitgleich als absolute, unantastbare Wertvorstellung entwickelte, war Geld als abstrakter Gegenwert für Leben/szeit. Nein, ich will nicht schon wieder auf "ich arbeite so lange und kriege so wenig Geld" hinaus. Mir sprangen nur in den letzten Tagen zwei Beispiele entgegen, die deutlich machten, welches Ausmaß diese unumstößliche Denkweise angenommen hat:
Erstens gestand der größte Horst im Staat, unser beim Volke beliebter Bundespräsident ein, dass es sich bei dem Einsatz in Afghanistan um eine Mission handelt, die von wirtschaftlichen Interessen angestoßen wurde, wolle man doch sichere Handelswege garantieren und regionale Instabilitäten aus ökonomischen Gründen möglichst vermeiden. Manch Konservativer beschreit dies als Vaterlandsverrat und Betrug an der sogenannten humanitären Mission, während manch Linksmoderner frohlockt, dass endlich Farbe bekannt werden würde. Das Sterben mit finanziellen Gründen zu rechtfertigen, daran scheint sich niemand mehr grundlegend zu stoßen.
Zweitens zog die Firma Foxconn, die die Elektroteile für Weltkonzerne wie DELL oder IBM oder Apple baut, Konsequenzen, nachdem sich mehrere Angestellte das Leben genommen haben - indem sie den Leuten etwas mehr Geld bezahlten. Diese Reaktion impliziert das Denken der Teppichetage, dass sich alle Sorgen mit Geld davonwischen lassen. Sicherlich wird es den gewünschten Effekt haben, denn dieses Denken ist auch in den Angestellten verankert, aber die Selbstverständnis, dass sich absolut jedes Problem erschlagen lässt, indem man es mit Geld bewirft, macht mir gewaltige Sorgen.
Wir sind viel zu sehr von Geld abhängig, was vor allem deshalb so bedenklich ist, weil sich immer mehr zeigt, wie instabil es doch ist. Wer den Wechselkurs zwischen Euro und Dollar in den letzten Wochen verfolgt hat, weiß, was ich meine.
Wenn es dann zu einem totalen Crash des Geldwertes kommt weil alle Staaten aus purer Hilflosigkeit Geld drucken um ihre Probleme genau wie vorher mit mehr Geld zu erschlagen versuchen, dann wird, weil sich irgendwer irgendwelche abstrakten Relationen ausgedacht hat, alles wertlos (siehe Entstehung der weltweiten Finanzkrise -> Amerikanische Immobilienkrise), egal ob es einen reellen Wert hat oder nicht, denn wie gesagt, der Wert von absolut allem kann heutzutage nur noch in Relation zu Geld ausgedrückt werden.
Wenn Geld hinfällig wird, werden wir uns überlegen müssen, wie wir in Zukunft Wert messen wollen. Das gilt nicht nur für Objekte, sondern auch für unsere Leben. Das sagt sich natürlich leicht, in der Realität würde es einen gesamt-kulturellen Denkprozess voraussetzen, der sich über viele Jahrzehnte spannt. Den wird aber, so meine Prognose, nie jemand anfangen. Man wird es aussitzen, sich beschweren und warten, bis es zu spät ist. Und dann, wenn Geld jegliche Bedeutung verloren hat, werden wir nicht mehr wissen, welchen Wert irgendetwas hat. Vielleicht sollten wir rechtzeitig anfangen, neue Maßstäbe anzulegen. Welche? Keine Ahnung.














5 Comments:
manchmal fällt es mir schwer lob für deine texte so auszudrücken, dass es nicht als ironisch missverstanden würde. deswegen schreibe ich häufig nichts oder was einzeiliges. eigentlich müsste ich superlative - ach was hyperlative! - benutzen um der qualität deiner sachen gerecht zu werden. was du an texten und denkanstößen lieferst ist oft große kunst! wieder einmal verneige ich mich virtuell vor deiner arbeit. wirklich. ehrlich.
Mir gehts verdammt oft so wie Maak. Deshalb: stehender Applaus.
Du sprichst mir aus der Seele! Ein Thema, das mich schon häufiger beschäftigt hat. Geld empfinde ich schon seit je her als eine der absurdesten Absurditäten, die die Menschheit in seinem Wahn nach Wertvorstellungen hervorgebracht hat.
Geld stinkt. Riecht komisch, mein ich.
Jemand sollte mal eine Währung erfinden, die nach Blumen riecht. :D
Wie wäre es mit Wildschwein-Währung?
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