Wüst
Ein weißer Truck fährt durch die Wüste. Hinten im Laderaum befinden sich viele Kisten voller Tüten mit Gummibärchen. Günter Netzer fährt den Truck, er trägt einen goldenen Anzug und eine Pilotenbrille. Auf dem Beifahrersitz sitzt Ernie aus der Sesamstraße, er trägt ein bis auf die Maske vollständiges Spider-Man Kostüm. Da das Autoradio keinen Empfang hat, gibt es nur ein leises Rauschen von sich."...und deshalb sollte man versuchen, den arabischen Raum davor zu bewahren, von westlicher Kultur überflutet zu werden.", beendete Ernie grade den Satz und blickte zu Günter Netzer rüber, der unbeirrt und mit steinernem Gesichtsausdruck auf die sandige Straße guckte. Ernie seufzte. "Verstehst du? Wenn das mit dem Global Warming so weitergeht, dann sieht es zu Hause bald so aus wie hier", sagte die Puppe mit dem orangen Gesicht und deutete mit dem knubbeligen Daumen aus dem Fenster. "Verdammter Sand überall, und dann diese Hitze. Wenn es im Sommer zu Hause mal halb so heiß ist wie hier, reden alle immer von 'glühend' und 'unerträglich' und die Rentner kriegen Hitzschläge. In ein paar Jahren, nachdem Global Warming zugeschlagen hat, werden wir uns nach den heutigen Temperaturen sehnen, das sage ich dir! Und wenn wir dann alle unseren Lebensstil umstellen müssen, weil wir es überhaupt nicht gewohnt sind, unter solch extremen Konditionen zu überleben, wer hat dann gut lachen? Na, die Araber! Die kennen es doch gar nicht anders. Wenn wir jetzt versuchen, McDonalds und Coca Cola nach Nahost zu pumpen, dann verweichlichen die genau so, wie es mit uns passiert ist und wer soll dann dem Westen die Geheimtricks verraten, um in der Wüste zu überleben? Die Afrikaner? Die sind zu beschäftigt damit, sich selbst abzuschlachten. Guck dir die Saudis an! Die sind zwar auch irgendwie islamistisch und konservativ und alles, aber die sind nicht so butthurt wie der Rest auf der Ecke, die leben in Luxus und verticken ihr Öl an den Westen! Die haben's kapiert!", erläuterte der Star der Sesamstraße unter Einsatz von viel Gestik und Mimik. Weiterhin antwortete Günter Netzer nicht. Der Weltmeister von '74 lenkte ohne jegliche menschliche Regung das Fahrzeug.
Ernie guckte aus dem Fenster, doch wie seit Beginn der Fahrt gab es absolut nichts zu sehen. Sand, soweit das Auge reichte, dazu Steine und ab und an ein trockener Busch. Totes Land. Er kratzte sich am ovalen Kopf. "Arrakis...Dune...Ödland des Imperiums, und der wertvollste Planet des Universums. DAS SPICE MUSS FLIESSEN!", intonierte er mit verstellter Stimme. "Ist dir je aufgefallen, dass alte Science Fiction auch immer auf der Erde spielen könnte? Als hätten die Autoren ihre Bücher geschrieben und im Nachhinein gesagt: 'Und jetzt lasse ich das ganze einfach im WELTRAUM spielen!', ohne etwas an der Story zu ändern.", führte er aus. Weiterhin, keine Reaktion von Günter Netzer, dessen goldener Anzug in der Sonne funkelte. Warum der Mann nicht schwitzte, war Ernie ein Rätsel.
Gelangweilt starrte er aus der Windschutzscheibe nach oben. Eine einzelne Wolke trieb über den ansonsten blauen Himmel wie ein Schiff, das alleine den Ozean überquerte. Ernie kniff seine Kulleraugen zusammen und verpasste der Wolke seinen schärfsten Blick. Mit all seiner Gedankenkraft konzentrierte er sich auf den weißen Fleck am Himmel, der sich in einer zähen Bewegung auflöste. "HA!", schrie er triumphierend. "Hast du das gesehen? Hast du? Gesehen? Das? Du? Gesehen? Hast du? Ich habe mit meinen psychokinetischen Jedikräften diese Wolke aufgelöst! Wie in diesem Film, The Men Who Stare at Goats! Der war übrigens viel besser, als ich dachte. Hat meine Erwartungen übertroffen. Würd ich mir glatt nochmal angucken, wenn er nicht auch in der scheiss Wüste spielen würde. So langsam kann ich es nicht mehr sehen."
Günter Netzer riss das Lenkrad herum und trat hart auf die Bremse.
Der ehemalige Fußballspieler verließ den Truck und stellte sich mitten auf die Straße. Irritiert schnallte Ernie sich ab und folgte ihm. Günter Netzer nahm langsam seine Sonnenbrille ab und steckte sie in die Jackentasche seines goldenen Jacketts. Er wischte sich die gewohnt zottigen Haare aus dem Gesicht. "Geh.", sagte er. "Was?", fragte Ernie ungläubig. "GEH!", herrschte Günter Netzer ihn an. Erschrocken machte Ernie einen leichten Satz nach hinten, zog die Hose seines Spider-Man Kostüms hoch und ging langsam die Straße hinab. Er hatte erst ein paar Meter hinter sich gebracht, da hörte er ein kratzendes Geräusch in seinem Rücken. Als er sich umdrehte, um nach Günter Netzer zu gucken, füllte das Muster eines Fußballs sein gesamtes Gesichtsfeld aus, um ihn dann mit voller Wucht mitten in das breite Gesicht zu treffen. Bewusstlos fiel Ernie zu Boden.
Als er aufwachte, stand die Sonne am Horizont, der Fußball, Günter Netzer und der Truck waren verschwunden. "Verflucht seist du, Günter Netzer!", schrie Ernie und ballte eine Faust gen Himmel.















3 Comments:
Wunderbar, herrlich, auszeichnungswuerdig.
Wow! Made my day.
Interessant... :D (Nice!)
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