Umkehrschluss
Es würde mich mal brennend interessieren. In der Kunst, sowohl in Musik als auch in Malerei (und bestimmt auch noch woanders) gab und gibt es das Phänomen, dass sich bei der Überpräsenz einer bestimmten Richtung eine andere, komplett entgegengesetzte bildet, um eine Art Gegengewicht zu schaffen. Zwei Beispiele. Malerei: Dem Impressionismus mit seinem hübschen Getupfe, den weichen Kanten und den idyllischen Motiven folgte der Expressionismus mit harten Kanten, einfarbigen Flächen und harscher Abstraktion aller Motive. Musik: Dem Hard Rock / Glam Rock (Beispiel KISS), der aus jedem Konzert eine gigantische Show machte und sich selbst bis zum Platzen aufblies, folgten Punk Rock und Grunge, Rock-Abkömmlinge, die eher in einer Garage denn auf einer gigantischen Bühne gespielt werden und die nichts mit Show und Pyroeffekten zu tun haben wollen.Fast jedes Genre kann auf ähnliche Weise erklärt werden (denn für jede Kunst-Strömung gibt es einen (oft auch historischen) Grund).
Eine ähnliche Erscheinung gibt es auch in der IT: Mal versucht die Branche, dem Client (also dem Endgerät) alle Macht zu geben (siehe Opera Unite), dann (wie jetzt) kehrt man erneut zu dem Konsens zurück, dass man nun doch alles im Rechenzentrum konzentrieren soll und das Endgerät so ersetzbar wie möglich macht (das nennt man dann "Cloud Computing", mehr ist das nicht).
Wenn dieses Gesetz nun für Musik und Malerei (und die IT) gilt, wieso sollte es nicht auch für die westliche Kultur im Ganzen gelten?
Wir befinden uns seit einigen Jahren an einem solchen Punkt. Die althergebrachte Struktur, die es seit Jahrhunderten gibt, lautet: Es gibt einen Produzenten, auf den n Konsumenten kommen. Seit sich das Internet zu dem entwickelt hat, was in den letzten Jahren den hilflosen Modebegriff "Web 2.0" bekam, hat sich dieses kulturell so tief verankerte Verhältnis grundlegend verändert: Da jeder Konsument gleichzeitig auch Produzent geworden ist, gibt es n Produzenten für n Konsumenten. Diese kulturell so grundlegende Verschiebung ist von ganz signifikanter Bedeutung und vielen Menschen gar nicht bewusst. Ob dies der Qualität des Produzierten zuträglich ist, lasse ich mal dahingestellt. Es lässt sich jedoch nicht abstreiten, dass es für praktisch alles, das eine Nachfrage besitzt, ein Angebot gibt, und wenn es nur Foren sind, um über das Thema zu sprechen - so können sich auch die abwegigsten Perversen mit gleichgesinnten austauschen und merken, dass sie nicht die einzigen mit Fuß-/Windel-/Tier-/Roboter-Fetisch sind. Erneut lasse ich im Raum stehen, ob wirklich alles, das produziert wird, auch wirklich hätte produziert werden sollen.
Was ich mich nun aber fragen muss ist, wie viele der Dinge, an die wir uns durch das Internet gewöhnt haben, durch eine Erscheinung wie in der Musik ins komplette Gegenteil umgekehrt werden. Damit meine ich einen Effekt durch die Nutzer, unabhängig von dritten Instanzen wie Regierungen und ihren Regulatorien. Natürlich würde eine solcher Wechsel nicht über Nacht geschehen, aber ich halte es für durchaus realistisch, dass sich einige Extrema umkehren werden. Dadurch, dass es mehr Produzenten gibt, gibt es mehr Inhalt, und je mehr Inhalt es von etwas gibt, desto wahrscheinlicher ist die Umkehr zum exakten Gegenteil. Was konkret meine ich damit?
Ein Beispiel, das bereit begonnen hat, ist, so ungerne ich es auch nur erwähne (angesichts dessen, wie viel Lebenszeit mir dadurch flöten ging), ein gewisses anonymes Imageboard. Das mit dem Kleeblatt. Ihr wisst schon. Dessen Gründer beruft sich in den öffentlichen Vorträgen, die er ab und an hält, immer wieder darauf, dass das gegenwärtige Internet immer stärker in die Privatsphäre der Leute eindringt und, dass Seiten wie Facebook (über das es selbst in eigentlich seriösen Nachrichten jeden Tag eine Meldung gibt) ihre User dazu bringen, immer mehr von sich preiszugeben. Als direkte Reaktion darauf wurde das extreme Gegenteil davon geschaffen, das nun als "Anonymous" durch das Internet tobt und sowohl Gutes als auch Schlechtes hervorbringt. Da Facebooks Popularität weiterhin zuzunehmen scheint (nein ich werde mir da niemals einen Account erstellen) und da inzwischen sogar Spielehersteller versuchen, Leute auf ihre realen Identitäten festzunageln, frage ich mich, ob das Gegenteil, bedingungslose Anonymität, nicht in gleichem Maße Zulauf findet.
Ein anderer Fall, bei dem ich mir noch unschlüssig bin, ist Pornographie. Seien wir ehrlich, man wird im Internet gradezu davon angesprungen und weil das Fernsehen gemerkt hat, dass die Nachfrage so hoch ist, versucht es durch Sendungen wie "Spiegel TV : Orgasmus bei Mann und Frau" oder "Der Hurenbericht - 24 Stunden auf dem Strich" (Namen erfunden, aber realistisch) irgendwie, ohne die gesetzlichen Vorgaben und den Jugendschutz zu verletzen, ein Gegenangebot zu schaffen. Gleichzeitig wird in Fernsehen und Film zunehmend offener rumgevögelt, auch im Nachmittagsprogramm. Die Generation, die pornographisches Material zu einem Massenprodukt gemacht hat ist übrigens die selbe, die Teenager als "Generation Porno" verschreit. Oh dear, the irony. Ich könnte mir nun gut vorstellen, dass die permanente Berieselung mit Erotik bis Pornographie irgendwann ein so starkes Ausmaß annimmt, dass das Phänomen der (Begriff ausgedacht) "neuen Prüderie" entsteht, eine Welle der Abkehr von jeglichen anzüglichen Inhalten. Irgendwann ist es dann plötzlich bei den jungen Damen nicht mehr "in", den Ausschnitt weit zu haben oder mit knappen Hosen oder Röcken umher zu staksen und die Medien werden ganz erstaunt darüber berichten (während die Moderatorin noch ganz uncool in Latex und Fischnetz hinterm Pult sitzt).
Ein Beispiel noch: Videospiele begannen als kleine Geschicklichkeits-Übungen. Simple Spiele in denen man sich von links nach rechts bewegte. Vor etwa sieben Jahren noch waren PC- und Konsolen-Spiele zu gigantischen, cinematischen Hochglanz-Produkten aufgebläht. Bessere Grafik, mehr Krawumm, eine Handlung die die eines Filmes alt aussehen lässt, lange Spielzeit, hohe Anforderungen an die Spieler. Seit die Wii raus ist, hat sich genau das ins Gegenteil umgekehrt: Die Casual-Spiele haben den Markt erobert, man braucht keine Monster-Grafik mehr, um mal kurz zu spielen und ein bisschen Spaß zu haben. Die "Serious Adult Hardcore Gaymer" schütteln natürlich mit dem Kopf und verschreien die Pauschalisierung, die die Wii mit dem Spiele-Markt angestellt hat, aber die Abkehr von den Riesen-Titeln hin zu Mini-Spielchen konnten sie nicht aufhalten.
Worauf ich nun sehr gespannt bin: Wie eingangs beschrieben, hat sich das Verhältnis von Konsumenten zu Produzenten geändert. Dadurch wird das Entertainment-Kontingent, das sich die Menschen gönnen, zu einem großen Teil von Amateur-Material belegt, bestes Beispiel Machinima (bei Fragen zum Thema bitte an Balthazzar wenden, der studiert das. Nein wirklich.). Was ich mich nun frage ist, ob sich auch dieses neue Verhältnis, wo es doch gradezu explodiert ist, auch irgendwann umkehren wird. Werden die Menschen irgendwann wieder ihre Digitalkameras zur Seite legen, das gecrackte Videoschnitt-Programm schließen und sich vor den inzwischen eingestaubten Fernseher setzen, um nur noch professionell und mit großen Geldaufwand produzierte Inhalte zu konsumieren?
Ich denke schon. Ein erstes Symptom, auch wenn es vielleicht etwas weit her geholt ist, sind Blogs. Was WAREN die Internet-Tagebücher vor vier, fünf Jahren noch populär. Abertausende von Seiten entstanden, die voller Trivialitäten waren. Dann fiel den Schreibern, die "das nur mal ausprobieren wollten" nichts mehr ein, und die so hochgepriesene Blog-o-Sphere reduzierte sich auf einen Kreis von A-Bloggern (ein lange nicht mehr benutzter Begriff) und einige Enthusiasten, die mit ihrem Leben sonst nichts anzufangen wissen. Ein Massenphänomen ist es, denke ich, nicht mehr.
Noch spannender wird, ob es eine Gegenbewegung geben wird, die auf das Internet selbst, das uns von Jahr zu Jahr stärker vereinnahmt, durch komplette Abschottung reagiert. "Offliner" nennen die sich dann und entfliehen der modernen Welt, hinein in die Natur. Zurück zu den Wurzeln und Rüben und so. So eine Erscheinung gab es übrigens auch schonmal, nannte sich "Hippies", war recht groß in den 1960ern.
Wie also sieht die "umgekehrte" Zukunft aus? Werden wir alle zugeknöpfte, anonyme, reine Konsumenten von Hollywood-Krachern, die entweder Mini-Spiele spielen oder direkt in die Hütte im Wald einziehen? Sicherlich nicht. Aber wir sollten damit rechnen, dass es zu jeder Bewegung, sei sie politisch oder kulturell, eine Gegenbewegung gibt. Einzige Variablen sind Geschwindigkeit und Heftigkeit.














7 Comments:
Es tut schon ganz gut, das Internet (etwas) zu meiden. Ein Chat ist halt doch nicht dasselbe wie ein Gespräch.
Was du bei deinen Ausführungen im Auge behalten musst, ist die Tatsache, warum sich viele Leute heutzutage dazu entscheiden, so viel von sich Preis zu geben.
Heutzutage wird Profilbildung über Seiten wie Facebook und die ganzen VZs ja quasi schon vorausgesetzt, damit man überhaupt stattfindet in dieser Gesellschaft.
Selbst wenn man sich den Hauptanlaufstellen verweigert, bleiben immer noch andere Schnittpunkte, über die man sich online produziert: Youtube-Accounts, Blogs, IMs, ja sogar deine E-Mail-Adresse. Ist es überhaupt noch möglich dem Ganzen zu entfliehen?
Wird es eine Gegenkultur zum Online-Bürger geben? Mag sein, ich denke nur nicht, dass sie in dieser Gesellschaft allzu erfolgreich sein wird.
Baoh, bin ich stolz, das ich das bei der Hitze zu Ende gelesen habe...
Was wollte ich noch mal sagen?
Äh.
Ah ja.
Ich denke auch nicht, dass sich eine große "Offline-Bewegung" bilden wird. Impressionismus war beispielsweise ja auch nur eine Strömung von vielen, zu der sich eine Gegenströmung von vielen gebildet hat. Scheiße. Ich hab echt den Faden verloren.
Egal. War trotzdem gut der Artikel. Und hat mich zum Nachdenken gebracht.
Ist nur so heiß.
@Balthazzar: Derartige Seiten katalysieren das aber, denke ich, ganz gewaltig. IMs würde ich nicht dazu zählen, da abgesehen von deinem Gesprächspartner und dem BKA niemand mitliest, was du von dir preisgibst. Blogs sind aber ein guter Punkt - da muss man wie Bolle aufpassen, dass man sich nicht verplappert, sofern man versucht, nicht persönlich darin aufzutauchen.
Der Offline-Bürger ist für mich auch noch keine Sicherheit, aber ich denke schon, dass es sich vermehrt dorthin entwickeln wird, dass die Leute mehr auf das acht geben, was sie von sich preisgeben.
@Miss Carrie: Ich weiß, es ist anstrengend das zu lesen, was ich schreibe.
HEEEY! Den Mini-Link hab ich sehr wohl entdeckt. Ich hab nämlich sonst nichts zu tun, als Seiten danach zu durchforsten, ob mein, öhm, Ego-Blog zufällig auf einem einzigen "n" verlinkt ist. ;-)
@ PropheT: Wünschenswert wäre es auf jeden Fall, dass mehr Leute über das nachdenken, was sie online stellen. Was teilweise an Vlogs auf Youtube kursiert, muss echt nicht sein.
Bedenklich ist daran vor allem, wie das eigene Leben zum Film wird. "Life Caching" nennt man das glaub' ich, wenn das ganze Leben nahtlos dokumentiert wird. Eigentlich brauchen wir die Behörden nicht, um uns zu überwachen, das können wir selber schon ganz gut.
Hmm, IMs ... Wie wärs mit IRC und Bash.org? Wobei das nun wieder unter die Kategorie "Chat" fällt ...
Hey Prophet,
dein Artikel hat meine grauen Zellen ins Rollen gebracht und dass obwohl ich Semesterferien habe- beachtliche Leistung :D
Spontan fällt mir dazu folgendes ein: Alles verläuft zyklisch- die Wirtschaft, die Jahreszeiten, die Monatsblutung... warum nicht auch die von dir angesprochenen Beispiele? Wundern würde es mich zumindest internettechnisch keineswegs. Wenn es denn mal Leute schaffen, sich aus seinen lähmenden Klauen zu befreien...
Beste Grüße,
Francine.
Kommentar veröffentlichen
<< Home