Ralf mit der Narwal-Hand
Es klingelte an der Haustür von Ralf mit der Narwal-Hand. Seufzend pausierte Ralf die Gary Moore CD, die er seit einigen Stunden in einer Endlosschleife hörte (er hatte wieder den Blues), hob sich aus seinem Korbstuhl und ging patschenden Schrittes zur Tür. Als er sie öffnete, standen ihm zwei junge Männer in weißen Polohemden und schwarzen Anzughosen gegenüber. Sein Gesicht spiegelte sich in ihren polierten Lackschuhen."Guten Tag.", grüßte ihn einer der beiden bedenklich gleich aussehenden Männer. "Hallo.", sagte Ralf und überlegte, ob es sich um Embryo und Dirty Women Grob handelte und er die Polizei rufen sollte. Er verwarf den Gedanken.
"Wir möchten mit Ihnen über das Internet sprechen", erklärte der zweite. "Wie stehen Sie zu...wa-....was ist denn das da an Ihrer Hand?", fragte er entsetzt. "Ein Narwal", sagte Ralf mit der Narwal-Hand. "Oh.", sagte der erste der beiden Besucher und starrte unhöflicherweise auf die Narwal-Hand. "Äh.". Die drei jungen Männer schwiegen sich an. "Und?", fragte Ralf. "Ah. Ja. Wie stehen Sie zum Internet?", fragte schließlich einer der beiden Fremden. Ralf schnaubte. "Ich bin da jetzt nicht so besonders, äh, also ich hab so ein bisschen Internet, aber...uff...jetzt eigentlich nicht so.", antwortete er. Flugs zog der rechte Vertreter eine Broschüre hervor und hielt sie Ralf hin. Mit seiner Nicht-Narwal-Hand nahm er den Flyer entgegen und starrte auf die bunten Buchstaben. "Unsere Vereinigung glaubt", fuhr der linke fort, "dass im Jahre 2022 die Menschheit aufgrund ihrer Sünden vernichtet werden wird und nur die das jüngste Gericht überleben, die mit mindestens 16 Mbit online sind!". Ralf schenkte seine Aufmerksamkeit halb der Erzählung des Besuchers, halb dem Wisch, den er in der Hand hielt. "Gepriesen sei Dark Fiber" und "Warum IPv6 Hexerei ist" stand darauf.
"Hören Sie, äh, ich habe wirklich kein Interesse an äh...". Die beiden ordentlich angezogenen Herren beugten sich ein wenig vor. "Wir könnten Ihnen weiteres Infomaterial per Mail senden, wir bräuchten nur Ihre Konto- und PIN-Nummer...".
"Nein. Hören Sie, äh, das muss ich wirklich nicht haben", sagte Ralf, "zumal, also, ich bin ja auch nur mit, was war das, 370 Kbit angebunden hier." Hastig zogen die beiden Vertreter Ihre Köpfe zurück, atmeten scharf ein und bekreuzigten sich unauffällig. Ein ungläubiges Kopfschütteln folgte.
"Wenn es Ihnen nichts ausmacht, ich bin sehr beschäftigt, also äh, ich erm, ich guck mir das an, und wenn ich das äh...gut finde, dann sag ich Ihnen Bescheid, ok?", wimmelte Ralf sie ab. Bevor einer der beiden Besucher etwas sagen konnte, hatte Ralf auch schon die Tür geschlossen. Er spießte den Flyer mit dem Horn seiner Narwal-Hand auf, warf es in seinen Altpapier-Karton in der Ecke und setzte sich wieder vor sein Fenster, wo er die langsam vorbeiziehenden Wolken beobachtete und Gary Moore hörte. Der Blues wurde nicht besser.
Mäßig inspiriert von diesem Bild von Alex Pardee. Bonuspunkte für den, der als erster den versteckten Witz findet.














1 Comments:
Irgendwann will ich deine gesammelten Skurrilitäten in der schäbigsten Ecke eines nerdigen Buchladens entdecken, um sie sogleich zu kaufen und nun ja, das zu tun, was man mit Büchern eben so macht.
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