Stück Verstand
Laut hallte das Klappern der Schuhe der Assistenz-Ärzte auf dem Flur der Anstalt wider. Gefügig folgten Sie Herrn Doktor Silberman, der die Zettel auf seinem Klemmbrett umblätterte. Der Chefarzt mit dem schütteren Haar und dem grauen Anzug blieb schließlich vor der verriegelten Tür einer Einzelzelle stehen und drehte sich zu seinen Speichelleckern um, deren vereinzeltes Getuschel verstummte."Das nächste Subjekt ist erst seit kurzem hier. Symptome sind krampfhafte Schrei-Anfälle, Halluzinationen, Orientierungslosigkeit und Paranoia.", erklärte der Psychologe mit wissenschaftlicher Distanz. Er vermied es, die Patienten als Personen darzustellen, sondern vermittelte sie als Komposition verschiedener medizinischer Faktoren. Eine Vermenschlichung der Insassen des Klinikums war der Arbeit nie zuträglich. "Passen Sie auf und machen Sie sich Notizen, ich erwarte Ideen von Ihnen", wies er die jüngeren Mediziner an und winkte einen der bulligen Krankenpfleger heran, der für ihn die Tür zu der gepolsterten Kammer aufschloss.
In der Mitte der Gummizelle kauerte ein junger Mann in einer Zwangsjacke. Er riss den von einem fusseligen Bart umrandeten Mund weit auf, dass sich Speichelfäden zogen und fauchte irgendetwas unverständliches. Doktor Silberman hockte sich vor den Patienten, dessen Augen nun wild hin und her blickten. "Wie geht es uns heute?", fragte er mit ruhiger, kräftiger Stimme. Der Patient in der Zwangsjacke schrie kurz auf und sackte dann in sich zusammen. Vorwärts und rückwärts wippend brummte er vor sich hin. "Sie sehen, dass das Subjekt vorübergehend in eine Ka-", wandte er sich an die jungen Ärzte, da sprang der Patient auf. Schützend hielt der Doktor einen Arm vor sich.
Die Augen des jungen Mannes in der Gummizelle waren weit aufgerissen. Sein Atem rasselte hörbar.
"Der Mann in Gold wird von allen bejubelt. Alle klatschen. Dann kommen Frauen mit den Köpfen von Pferden und sie bewegen ihre Münder, aber die Worte kommen nicht aus ihnen. Die Pferdefrau muss die Serviette für den Kaiser falten. Ein Hund lebt mit einem Huhn. Der hässliche Mann trägt keine Schuhe. Schöne Frauen tanzen für das Publikum, aber die hässliche gibt den Ton an. Der Mann in Gold schießt durch die Beine seiner Freunde. Er lacht und alle freuen sich. Eine Frau trägt eine Weste aus Gorilla. Sie schießt Nägel in die Wand. Menschen singen und Herzen steigen auf. Den alten Mann kennt jeder. Ein Kind ist ein Drache und ein Marienkäfer. Alle freuen sich. Die Frauen sind schön. Der Mann mit einem Auge, sie tanzen. Die Menschen schauen und sie sind dick und alt, und schön und jung. Der Mann aus den Ruinen zerschlägt Steine, aber das Glas ist noch voll. Menschen aus der Vergangenheit weinen. Das Auge hängt. Er ist ekelig und zieht sich aus und tanzt und sie jubeln ihm zu, weil er anders ist. Maschinen sprechen und sie weinen. Die Männer sind alt und ekelig, und manchmal gibt es sie doppelt, aber die Frauen, die stumm bleiben, sind schön. Sie gehören nicht wirklich dorthin. Das Kind, das ein Staubsauger war, ist jetzt ein Tänzer. Der Verkünder des Wortes ist blind und er weiß nicht, was er tun soll. Und der Mann in Gold klettert in seinen Käfig und überschlägt sich. Alle klatschen und freuen sich. Alle freuen sich."
Nachdem er ohne zu blinzeln oder Luft zu holen wie in einer Trance sprach, kippte der junge Mann in der Zwangsjacke um und schlug mit einem dumpfen Geräusch auf dem Boden auf. Er wand sich wie unter Schmerzen und ächzte. Die jungen Ärzte verzogen das Gesicht. Doktor Silberman stand auf und blickte auf den Patienten herab. Er ging einige Schritte rückwärts, dann verließ er den Raum und ließ ihn absperren.
"Ergebnisse.", sagte der Chefarzt.
Einige Mutige wagten den Vorstoß. "Trauma durch einen Unfall?" "War das Subjekt Soldat, handelt sich sich vermutlich um eine Psychose, die durch die Konfrontation mit Gewalt-" "Schwerer Schlag auf den Kopf!" "Eventueller Drogen-Konsum mit massiver Beschädigung der Hirn-" "Einen an der Waffel?" "Psychosomatische-"
"Wer hat das mit der Waffel gesagt?", fragte Dr. Silberman empört. Schweigend blickten die jungen Mediziner einander an. Niemand bekannte sich. Kopfschüttelnd winkte der Psychologe ab. "Sie sollten Ihre Hausaufgaben machen.", sagte er abfällig. Eine junge Ärztin hielt ihn an. Der Mann in der Zelle mit seinem zerzausten, aber irgendwie durchaus sympathischen Äußeren kam ihr bekannt vor. "Äh...Herr Doktor?". "Ja?". "Handelt es sich bei dem Pa...bei dem Subjekt nicht um diesen äh, diesen Internetblogger, der mit der dunkeln Webseite, dieser...". Silberman nickte. "Richtig. Auf eine gescheite Diagnose scheinen Sie aber trotzdem nicht zu kommen, so wie es aussieht.", sagte er. Schweigen in der Runde. "Schreiben Sie es sich auf: Das Subjekt hat nachhaltige Beschädigungen des Großhirns und ein massives Trauma davongetragen, nachdem es sich das vollständige Herbstfest der Volksmusik angeguckt hat."
Stifte kratzten auf Zetteln und die Schritte der Ärzte hallten auf dem Korridor wider, als sie zur nächsten Zelle gingen.














4 Comments:
das vollständige herbstfest der volksmusik?!?
wieso nur? WIESO?!?
Oh mein Gott!
Ich höre doofe Menschen!!
UAAAH!:O
Warum tut man sowas? Ich bin maßlos enttäuscht! ;-)
@Maak, PhanThomas: Ich kenne jetzt keine Angst mehr.
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