Cloud-Missbrauch
Es ist in der Wirtschaft nichts Neues, dass eine längst existierende Technologie oder Herstellungsmethodik mit einem neuen Begriff belegt wird, der dann vom Marketing als große Neuerung herausgepustet und angepriesen wird. Genau das ist mit dem Begriff "Cloud Computing" der Fall, wo der Begriff so weit gedehnt wird, dass heutzutage ja irgendwie alles als "Cloud" gelten kann. Der Ausdruck ist nichts mehr wert.Besonders sprang es mir ins Gesicht, als ich neulich durch einen unglücklichen Zufall Fernsehen guckte und den entsetzlichen "Windows 7 + Windows Live: Auf in die Cloud" Werbespot sah. Wir sehen eine Dame, die sich darüber beschwert, dass all ihre Familienphotos schlecht sind. Mit den beschwingten Worten "Auf in die Cloud" wirbelt ihr Sekretär herum und ein glänzendes Samsung-Notebook erscheint, auf dem sie eine Bildbearbeitungssoftware benutzt, um mit drei Klicks vier Bilder ohne sichtbare Kanten zusammenzuschneiden. Ein flotter Spruch - und alle Sorgen und Nöte sind gelöst. Der Cloud-Anteil war daran, dass die Bildbearbeitungssoftware, die genauso gut auch lokal hätte installiert sein können, aus Microsofts Public Cloud a.k.a. Windows Live kam.
Cloud Computing bedeutet, dass Rechenleistung, komplette Netzwerksysteme, Desktops, Anwendungen oder bestimmte Services nicht mehr lokal ausgeführt werden, sondern zentralisiert von einem Rechenzentrum aus, so dass von überall über das Internet oder ein privates WAN oder LAN ein Zugriff möglich ist. Bevor es populär wurde, ging es meist um das Hosting und die Bereitstellung von Servern, aber bei der heutigen Definition ist jeder Dreck, den man von irgendwo anders aus benutzt, gleich Cloud. Jeder Webmail-Anbieter (GMX, Web.de, etc.) ist Cloud, jede Online-Anwendung, jedes Online-Spiel. Alles irgendwie Cloud. Die Technik gibt es schon lange - nur jetzt ist sie dem Endkunden bekannt, darum in der Presse und darum neu und aufregend.
Larry Ellison, mag er noch so unsympathisch sein, hat Recht damit wenn er sagt, dass der ganze Markt durchdreht wegen etwas, das Unternehmen wie das seine schon seit etlichen Jahren machen. Microsoft gibt an, dass die überwältigende Mehrheit ihrer Entwickler auf das Cloud-Thema konzentriert werden soll - denn jetzt stimmt das Marketing, alle Welt redet über das Thema, auch kleinere Unternehmen wollen von diesem neuen Zeug das angeblich so viel Geld sparen soll ein Stück abhaben und da wollen die Big Players wie MS, Amazon und Konsorten rechtzeitig ihr Gebiet abgrenzen, bevor kleinere Unternehmen sich einen Namen machen. Das große Interesse vor allem von Microsoft ist dabei sicherlich, dass das Windows in diesem Modell bei Ihnen läuft, inklusive der darauf installierten Software. Ein Raubmordkopieren ist damit unmöglich. Böse gesagt bedeutet das auch, dass der Hoster die provideten Ressourcen so zunageln kann, dass z.B. ein Desktop aus der Cloud nur vorinstallierte Anwendungen zulässt oder bestimmte Programme an der Installation hindert. Im Vergleich zu diesen Kontroll-Möglichkeiten ist der jetzige Zustand, der von der Open Source Community permanent beklagt wird, gradezu lachhaft.
Ich sage nicht, dass Cloud Computing grundsätzlich schlecht ist, auf gar keinen Fall - schließlich arbeite ich in der Branche! Nur sehe ich es aktuell so: Für Unternehmen bieten die Technologien, die dahinter stecken, ganz gewaltiges Potential für eine Vereinfachung und Zentralisierung der Administration sowie enorme Einsparungen in den Haltungskosten. Entweder als Public Cloud für die, die keinen Administrator haben oder als Private Cloud für die, die jemanden für die IT anstellen.
Der Endkunde aber wird durch das ganze bunte Marketing, das derzeit aufgezogen wird und den Begriff hochstiliert, geblendet und in seiner Erwartungshaltung fehlgeleitet. Natürlich kann auch der Privatmensch von der Online-Bereitstellung von Services profitieren (Beispiel Webmail), aber niemand braucht zu erwarten, dass wie in der Microsoft-Werbung durch Hexerei und Feenstaub sich der heimische Schreibtisch plötzlich zur Wunderwaffe gegen alle Probleme des Alltags verwandelt. Denn Cloud heißt nicht automatisch Backup, heißt nicht automatisch Datenschutz, heißt nicht automatisch einfachere Programme, heißt nicht automatisch mehr gesunder Menschenverstand. Auch wenn die Werbung mit der blöden Familie das behauptet.














5 Comments:
Stimmt schon, aber ist das nicht einfach der Kern, das Elementare an Marketing? Etwas altes wie etwas großartiges, neues erscheinen lassen? Oder im Idealfall: etwas vollkommen Unnützes als super, toll und begehrenswert präsentieren?
OT: Willste auch ne Weihnachtskarte? ;-) Dann bitte Adresse per Mail an mich. Streng vertraulich, selbstverfreilich!
Das Mrketing kam, sah und siegte. Ole!
Der Kritik kann man nur zustimmen. Vielleicht haben wir Glück und der Hype verpufft, wie so oft.
@Okami Itto: Natürlich.
@Citara: Die Technologie wird sich so oder so in diese Richtung entwickeln, die Frage ist, wie wir damit umgehen.
Das ist nicht nur Irreführung, das ist vor allem auch ein gefühltes An-die-Leine-nehmen des Users. Denn die ganze Entwicklung birgt, wie du ja schon andeutest, die Gefahr, dass man die Gewalt über seinen Rechner aufgibt. Dann ist es wie z.B. beim nicht gejailbreakten iPhone: Was der Hersteller nicht will, das ich installiere, das wird auch nicht installiert. So ganz begeistert bin ich von der ganzen Thematik nicht, unabhängig davon, dass der Begriff völlig verwässert wird.
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