
Ein gewaltiger Meteorit aus Schnee und Eis treibt durch das All. Hinter sich her zieht er einen weißen Schweif aus Staub und Frost. Auf seinem Weg durch die Unendlichkeit passiert er Gürtel aus Gestein, riesige Kugeln aus Gas, Nebel die nach dem Tod einer Sonne und ihres Systems in bunten Farben und unvorstellbaren Formen die Galaxien schmücken, junge und alte Sonnensysteme, lebendige wie tote Planeten. Wie lange er schon durch das All fliegt und von wo er stammt, ist unmöglich herauszufinden.
Auf der Oberfläche des Meteoriten aus Schnee ist es noch kälter als im bereits entsetzlich frostigen All. Durch die ungebremste Bewegung durch den Raum, der von der Anziehungskraft der großen Planeten immer wieder gebogen wird, schneidet das Eis über die Oberfläche. In einer kleinen Spalte zwischen zwei massigen Schneewehen gibt es eine kleine, dunkle Tür ohne Griff. Hinter ihr gibt es einen schmalen Korridor, der durch das Eis in den Kern des gefrorenen Weltraumreisenden führt. In der Mitte gibt es einen mäßig ausgeleuchteten Raum, in dem eine kleine Sitzbank steht.
Auf ihr sitzen, in dicke Winterkleidung gestopft,
Ernie aus der Sesamstraße und Anne Will von der ARD.
"...weshalb ich bei der Schlagzeile "
Schmiergeldverdacht bei der HSH Nordbank" immer an "Hör mal wer da hämmert" denken muss - man weiß schon, wenn in dem Clip vor dem Titellied Tool Time zu sehen ist, dass sich Tim aus Doofheit verletzen wird, aber man lacht trotzdem.", schließt Ernie seinen Satz. Der Star aus der Kindersendung mit dem orangen Kopf blickt zu Frau Will herüber, die zitternd ihre Hände aneinander reibt und ihm nicht zuhört. Ernie nahm daran keinen Anstoß und fuhr fort. "Die Politik indessen lässt diese Bank, diese Aneinanderreihung von Desastern aber fortbestehen, weil sie glauben, dass eine Auflösung der Bank als ein viel größeres Scheitern in der Öffentlich wahrgenommen werden würde als jeder Korruptionsskandal.", ereifert er sich und schüttelt den ovalen Kopf. "Apropos Politik - wieso muss dieser Waschlappen, dieser profillose Weichspüler von Wulff, der schon als Ministerpräsident zwar in jeder Fernsehsendung erschien, aber seine Wahlversprechen nie einlöste, jetzt dem Volke diktieren, dass es sich bedingungslos hinter Israel zu stellen hat? Erstens sind die am anderen Ende der Welt und zweitens sind das die größten Kriegstreiber in der Region, die bis an die Zähne mit Atomwaffen gerüstet ohne Rücksicht auf Verluste seit Jahren beratungsresistent ihren Ausbau vorantreiben, egal wie viel sie damit ihre Nachbarn provozieren! Warum müssen wir uns jetzt mit denen auf eine Seite stellen? Weil der Wulff den geschichtsbewanderten Weltmann geben wollte und diese Phantom-Kollektivschuld gegenüber der Welt verlängern will? Wir sind doch kurz davor, dass jeder, der zu der Zeit gelebt hat, inzwischen tot ist - irgendwann MUSS das doch mal verjähren! Oder nicht?", fragt er in Richtung von Anne Will, die inzwischen aufgestanden war und fröstelnd von einem Fuß auf den anderen tritt.
Ernie lächelt (bzw. er behält den Gesichtsausdruck, den er immer hat, bei). "Ich mag es, wenn es kalt ist. Alles fühlt sich so sauber an, man schwitzt nicht und kann dicke Kleidung anziehen, die zu einem gewissen Grad Fettleibigkeit kaschieren kann", murmelt er und streicht sich über den Bauch, der unter einem Wust aus dicken Jacken steckt.
"Im übrigen ist es für mich kein Wunder, dass die Leute von Wikileaks, deren Agenda ich moralisch sehr unterstütze", sagt Ernie und legt eine Pause ein, um eine Reaktion von Anne Will abzuwarten, "an so kritische Daten gekommen sind. Anhand dessen, was ich bisher von der IT und dem technischen Verständnis in Verwaltungen angetroffen habe, steht bei Interpol vermutlich ein einzelner Windows 2000 Server von Wortmann, der komplett in dunkelbraunem Staub versinkt und den nächsten Neustart nicht überlebt." Anne Will blickt auf. "Sie waren mal in der IT tätig?", fragt sie, woraufhin Ernie erschrickt, war es doch das erste, was die Dame seit langem gesagt hatte. "Ääääh. Ja, auchmal, aber nicht mehr. Letzten Endes muss man immer nur ausbaden, was sich irgendwelche Spinner auf Papier ausgedacht und ohne Tests als praxisfähig entschlossen haben.", erklärt die orange Puppe. Anne Will zieht sich einen kleinen Block aus der Jackentasche und macht sich Notizen. "Außerdem hat wohl keine andere Branche so viele Überstunden, die man nie vergütet kriegt. Glaube ich.", ergänzt Ernie.
Eine kurze Pause, in der Ernie in Gedanken zu Boden blickt und Frau Will ihren Block wieder in die Jackentasche steckt.
"Ich frage mich manchmal, wie viele Profile es von mir gibt. Die ich nicht kenne, meine ich. Irgendwelche Daten, die miteinander verknüpft und ausgewertet werden. Natürlich kommt man heutzutage nicht umher, manchmal Informationen abgeben zu müssen, aber wie oft wird sowas dauerhaft hinterlegt und verarbeitet? Die Frage ist wohl, ob diese Datensätze verknüpft werden. Wenn die Einkäufe, die mit Kreditkarte getätigt werden, verbunden werden mit GPS-Daten, die Aufenthaltsorte archivieren, dann wird man direkt mit Werbung für Geschäfte konfrontiert, an denen man vorbeikommt. Nicht, dass es sowas nicht schon im Internet gäbe. Aber ich glaube, das wird immer mehr. Wenn dann ein großer Konzern eine kleine Firma schluckt haben die ja auch die Daten, die die kleine Firma gesammelt hat. Und in den AGBs der großen Firma stehen dann auch wieder andere Sachen als vorher. Nicht, dass irgendjemand lesen würde, was eigentlich darin steht und was das für die Kunden bedeutet. Hauptsache schnell kaufen und nicht über solchen Kram nachdenken müssen - das Leben ist so kompliziert, dass man keine Gehirnkapazität mehr über haben kann...", sagt Ernie und seufzt. Anne Will niest. "Gesundheit", sagt der Kinderstar, und Anne Will nickt dankend.
Ernie blickt plötzlich sehr ernst. "...haben Sie schonmal das Gefühl gehabt, dass alle anderen Leute irgendetwas wissen, dass Sie nicht wissen, und deshalb anders durch's Leben gehen, aber Sie haben Angst, zu fragen, weil Sie sich irren könnten und dann blöd darstehen?".
"Was?", fragt Anne Will verwirrt. "Nichts.", sagt Ernie und schüttelt den Kopf. "Es ist nur-", fängt er den nächsten Satz an, als der Schnee-Meteorit von einem großen Felsen getroffen wird, der ihn vollständig zerstört.
Zweihundert Jahre später gerät der Schnee in den Antrieb eines Raumschiffes, der daraufhin ausfällt. Die Techniker an Bord sind jedoch in der Lage, die Triebwege zu reparieren und ihre eilige Lieferung an Pornographie von einem Sonnensystem zum nächsten fortzusetzen.