Von prophet am Donnerstag, Dezember 30, 2010 um 19:54

Twentyten

Mehr Geld oder weniger? Tatsächlich ein bisschen mehr, dafür arbeitet man aber auch den ganzen Tag.
Größte Zeitverschwendung? Minecraft. Das und ein gewisses Imageboard - letzteres in sehr ungesundem Maße. Immer noch.
Größte Innovation? LED statt CRT. Vier Zoll breiter, dafür mehrere Mannslängen weniger tief. Schon erstaunlich, diese moderne Technologie. Außerdem endlich ein Backup.
Schönster Film? Sehr schwer, weil sehr wenig dieses Jahr geguckt. Für mich, nicht als Neuerscheinung, vermutlich A Fistful of Dollars. Fuck Yeah, Clint, Fuck Yeah.
Himmelhoch jauchzend oder zu Tode betrübt? Tode.
Am liebsten gehört? Alter Thrash Metal (Kreator), intelligenter Death Metal (Death), später dann viel alten Black Metal (Bathory), Crust-Punk (Discharge) und ein bisschen Stoner-Doom (Electric Wizard). Zuletzt ungewohnt viel Oldies und alter Jazz. Beste Neuerscheinung in einem eher mäßigen Jahr war von High On Fire - Snakes for the Divine.
Am liebsten gelesen? Sehr sehr wenig gelesen, was nicht Fachliteratur war. An richtigen Büchern vermutlich Neuromancer, an Papier-Comics wie immer Judge Dredd, an Webcomics Concerned.
Dicker geworden oder dünner? Die PropheT-Diät: Nehmen Sie 3 Kilo in nur einem Jahr ab! Geringfügig Muskeln aufgebaut und alle sagen mir ständig, ich hätte so doll abgenommen. Dessen ungeachtet immer noch ungesund fett.
Weiser geworden oder dümmer? Weiterhin schwach in Sozialkompetenzen. Fachlich extrem viel viel VIEL mehr Wissen im Kopf.
Bester Kauf / in Bezug auf das Preis-Leistungsverhältnis? Bildschirm. Bei Alternate im Angebot für 100 Euro unter dem üblichen Marktpreis. Hammer.
Idiotischste Ausgabe? Benzin. 1,49 den Liter für abgestandene Flüssigkohle?
Am meisten getrunken? Zuckerwasser, gar nicht gut.
Am liebsten getrunken? Zuckerwasser, gar nicht gut.
Am meisten gegessen? Auf einmal: Auf Firmenkosten am Buffet. Auf's Jahr gesehen morgens aufgeschmiertes Wurstbrot.
Ekligstes Gericht? Sushi. Kalt-klebriger Reis mit Gurke. So ein Dreck.
Leckerstes Gericht? Man nennt es "Fleisch".
Neue Freunde gefunden? Freunde nicht, Bekannte ja.
Alte Freunde verloren? Alle.
Nicht befolgte Vorsätze? Oh ja.
Verpasste Chancen? In Klausur 30 Sekunden nach Abgabe einen Logikfehler bemerkt. War dann aber der einzige Fehler in der Arbeit und immer noch eine 1 *hüstel*.
Größte verpasste Chance? Einen Job zu finden, in dem man weniger arbeiten muss und mehr verdient.
Angst? Immer und vor allem. AAAAAAAAAAAAAAAH!
Größter Erfolg? Durch Engagement und Überstunden en masse Arbeitsplatz zementiert.
Größter Misserfolg? Ein bestimmtes Gerät eines bestimmten Kunden zum Laufen zu bringen.
Gesünder oder kränker? Nicht unwesentlich kränker. Auch körperlich.
Lustigstes Experiment? Große Auswahl. Vermutlich irgendwas mit Virtualisierung von Anwendungen und Desktops, das mit "Was passiert eigentlich, wenn..." anfing.
Am meisten gelernt? Im Beruf benötigte Technik by doing. Sehr sehr viel davon. Am meisten vermutlich Citrix, Microsoft (AD) und Netzwerktechnik. Die Liste ist lang. Nun in der Lage, manch anderem Techniker den Kopf zu Brei zu reden.
Was ich in diesem Jahr garantiert nicht sehen möchte? Krieg.
TV-Würg? Das deutsche Fernsehen in seiner nachmittäglichen Gesamtheit. Unglaublich.
TV-Wow? Mad Men, Mad Men, Mad Men, Mad Men, Mad Men.
Größte Veränderung? 40-50-60 Stunden die Woche berufstätig.
Größter Verlust für die Menschheit? Ronnie James Dio.
Größte Enttäuschung? Wir leben in der Zukunft! Wo bleiben meine fliegenden Autos? Ansonsten: Die Qualität vieler musikalischer Veröffentlichungen, vermutlich. Es wahr mehr eine Kette vieler kleiner Enttäuschungen.

2010 war für mich vor allem von Arbeit geprägt, inklusive absurder Überstunden und Albträumen von Installations-Setups (wirklich). Entsprechend war dieses Jahr weniger als zuvor von mir zu lesen und leider sieht es so aus, als würde sich daran 2011 nicht viel ändern. Ich hoffe weiterhin, dass ich mein Schreibe-Mojo wiederfinde und dem großen Blogsterben der letzten Wochen und Monate trotze. Ich bin sicher, dass es genug geben wird, über das zu schreiben, sich zu empören und sich zu ereifern lohnt. Irgendwer muss es ja tun.

Von prophet am Sonntag, Dezember 26, 2010 um 16:32

Undefiniert

//Hugo Almeida wechselt von Werder Bremen zu Besiktas Istanbul. Damit setzt Werder seinen selbstzerstörerischen Kurs fort, alle hochklassigen Spieler an andere Vereine zu verhökern oder zu verlieren. Das starke Werder Bremen mit Özil, einem Marin in Topform, Hugo Almeida und Pizarro, das offensiv kreativ und lebendig war, scheint in weite Ferne zu rücken.
//Ursula von der Leyen spricht davon, dass eine gezielte Anwerbung von Fachkräften aus dem Ausland wiederaufgenommen werden muss, um den relativen Wohlstand des heutigen Deutschlands auch in Zukunft halten zu können - das Problem der auf der Spitze stehenden Alterspyramide im Hinterkopf. Stattdessen die Energien aufzuwenden, um im Inland für Ausbildung und Qualifikation zu sorgen, wird als nicht ausreichend abgetan. Frau von der Leyen scheint einzusehen, dass in Zukunft mit weniger Menschen mehr erreicht werden muss - jedoch nicht, dass die Abwerbung nur so lange attraktiv für ausländische Fachkräfte ist, wie es in Deutschland die besseren Bedingungen für Arbeit und Leben gibt. Trotz dem Tempo, in dem sich die Länder entwickeln, die qualifizierte Fachkräfte bieten, die es nach Deutschland ziehen würde, rechnet Frau von der Leyen nicht damit, dass in der nahen Zukunft die Bedingungen in diesen Ländern so gut sind, dass qualifiziertes Personal lieber im eigenen Land arbeitet, als nach Deutschland auszuwandern. Es ist nur die einfachere Lösung, jemand bereits qualifizierten von außerhalb zu holen, als im eigenen Land von Grund auf etwas für die Verbesserung der Bildungs-Qualität zu tun. Ab wann dann ein Arbeiter qualifiziert ist und ab wann er als wirtschaftlich wertlos abgeschoben wird, ist die nächste Frage.
//Während die Welt drauf und dran ist, CDs als Hauptmedium für Musik abzuschaffen und nur noch USB-Sticks mit sich herumzutragen, erwäge ich, ob ich nicht mit Schallplatten anfangen sollte. Das einzige, das mich wirklich davon abhält, ist der Preis, der für das tote Medium bemerkenswert hoch ist. Die Dinger kann ich mir auf Dauer nicht leisten.
//Die Wahrheit über Smartphones und Mad Men:
(click to enlarge)

Von prophet am Samstag, Dezember 25, 2010 um 16:45

Christmas Carols

Weakling - Dead as Dreams [1998] []
Nicht erst seit kurzem gibt es Black Metal aus Amerika : Vor Wolves in the Throne Room und Judas Iscariot veröffentlichten Weakling aus San Francisco ihr bis dato einziges Album. Musikalisch trauen sie sich bereits ein wenig in die Ambient-Schiene, die ihre Nachfolger verfeinern, aber das Grundgerüst sind das bekannte Black Metal Gekeife und das monotone Gescheppere, das Darkthrone auf 'Hunger oder 'Blaze spielen. Dabei ist "Dead as Dreams" wirklich gut, wenn man grundsätzlich etwas mit dieser Musik anfangen kann. Die Stimmung, die das Album vermittelt, wird dem Hörer genau so kräftig vermittelt wie bei den großen Klassikern des Genres. Mit der guten Mischung aus Stimmung und Wumms ist diese Scheibe ein weit besseres Album als vieles, was heutzutage unter dem Namen "Black Metal" verkauft wird, weil das Titelbild schwarz/weiß ist.

Insect Warfare - World Extermination [2007] []
Was für ein Brett. Die Amis von Insect Warfare geben sich alle Mühe, mit ihrem 20 Song Grindcore-Brecher die Kollegen von Pig Destroyer und Agoraphobic Nosebleed als weich darstehen zu lassen. Mehr müsste eigentlich auch nicht gesagt werden - es gibt 20 Minuten lang auf die Fresse, inklusive allem Geblaste, Gegrunze und Geschreddere, das man erwartet. Dennoch ist "World Extermination" nicht nur irgendein austauschbares Wegwerf-Album. In einem Genre, wo es an so wenig hängt, ob eine Scheibe funktioniert oder nicht, machen die Herren alles richtig und veröffentlichen das beste moderne Grindcore-Album seit langem. Genau festmachen woran dies liegt geht nicht, denn so blöd es klingt, man muss es spüren und das tut man hier. Und wie man ihn spürt. Den Tritt. In die Eier.

Saviours - Accelerated Living [2009] []
Der Sound von Saviours könnte fast wie der von The Sword in ihren härtesten Momenten beschrieben werden : Hard Rock Retro Stoner Doom Heavy Punk Metal mit etwas monotonem Gesang aber fetten Riffs. Leider sind Saviours dabei nie so extrem catchy, und nach dem zweiten Durchlauf wünscht man sich mehr Abwechslung, was vor allem an Sänger Austin Barber liegt. Das ändert jedoch nichts daran, dass sich hinter dem entsetzlich hässlichen Cover ein gutes Album verbirgt, das durch seine Dynamik, die gute Rhythmus-Fraktion und die dicken Gitarren-Vorführungen durchaus zu überzeugen weiß und auch jedem Stoner Rock Spießer empfohlen werden kann. Wenn die Band von diesem Punkt an (das neue Album ist längst raus) ihr Songwriting verbessert, steht dem Erfolg auch außerhalb der Szene nichts im Wege.

Dangerdoom - The Mouse and the Mask [2005] []
Eine gewisse Prominenz besitzt das Kollaborations-Album zwischen DJ Danger Mouse und MF DOOM - ja, der Rapper, nicht die legendäre englische Crust Punk Band. Ja, Hip Hop. Die Rhythmen, die Danger Mouse hinter den immer etablierteren DOOM mischt, stammen aus Samples von Musik, die in den Cartoon-Sendungen des Senders Adult Swim laufen. Tatsächlich funktioniert die Mischung aus vitaler, teils fröhlicher Musik und DOOMs ernster, grimmiger Tonlage überraschend gut. Konnte ich mit letzterem lange wenig anfangen, gefällt er mir hier. Ich denke allein die Tatsache, das ich sage, dass ein Hip Hop Album das nicht aus den 80ern stammt, verdammt gut ist, drückt schon die Qualität der CD aus. Hat seinen Status zu Recht.

Von prophet am Freitag, Dezember 17, 2010 um 20:32

Cloud-Missbrauch

Es ist in der Wirtschaft nichts Neues, dass eine längst existierende Technologie oder Herstellungsmethodik mit einem neuen Begriff belegt wird, der dann vom Marketing als große Neuerung herausgepustet und angepriesen wird. Genau das ist mit dem Begriff "Cloud Computing" der Fall, wo der Begriff so weit gedehnt wird, dass heutzutage ja irgendwie alles als "Cloud" gelten kann. Der Ausdruck ist nichts mehr wert.
Besonders sprang es mir ins Gesicht, als ich neulich durch einen unglücklichen Zufall Fernsehen guckte und den entsetzlichen "Windows 7 + Windows Live: Auf in die Cloud" Werbespot sah. Wir sehen eine Dame, die sich darüber beschwert, dass all ihre Familienphotos schlecht sind. Mit den beschwingten Worten "Auf in die Cloud" wirbelt ihr Sekretär herum und ein glänzendes Samsung-Notebook erscheint, auf dem sie eine Bildbearbeitungssoftware benutzt, um mit drei Klicks vier Bilder ohne sichtbare Kanten zusammenzuschneiden. Ein flotter Spruch - und alle Sorgen und Nöte sind gelöst. Der Cloud-Anteil war daran, dass die Bildbearbeitungssoftware, die genauso gut auch lokal hätte installiert sein können, aus Microsofts Public Cloud a.k.a. Windows Live kam.
Cloud Computing bedeutet, dass Rechenleistung, komplette Netzwerksysteme, Desktops, Anwendungen oder bestimmte Services nicht mehr lokal ausgeführt werden, sondern zentralisiert von einem Rechenzentrum aus, so dass von überall über das Internet oder ein privates WAN oder LAN ein Zugriff möglich ist. Bevor es populär wurde, ging es meist um das Hosting und die Bereitstellung von Servern, aber bei der heutigen Definition ist jeder Dreck, den man von irgendwo anders aus benutzt, gleich Cloud. Jeder Webmail-Anbieter (GMX, Web.de, etc.) ist Cloud, jede Online-Anwendung, jedes Online-Spiel. Alles irgendwie Cloud. Die Technik gibt es schon lange - nur jetzt ist sie dem Endkunden bekannt, darum in der Presse und darum neu und aufregend.
Larry Ellison, mag er noch so unsympathisch sein, hat Recht damit wenn er sagt, dass der ganze Markt durchdreht wegen etwas, das Unternehmen wie das seine schon seit etlichen Jahren machen. Microsoft gibt an, dass die überwältigende Mehrheit ihrer Entwickler auf das Cloud-Thema konzentriert werden soll - denn jetzt stimmt das Marketing, alle Welt redet über das Thema, auch kleinere Unternehmen wollen von diesem neuen Zeug das angeblich so viel Geld sparen soll ein Stück abhaben und da wollen die Big Players wie MS, Amazon und Konsorten rechtzeitig ihr Gebiet abgrenzen, bevor kleinere Unternehmen sich einen Namen machen. Das große Interesse vor allem von Microsoft ist dabei sicherlich, dass das Windows in diesem Modell bei Ihnen läuft, inklusive der darauf installierten Software. Ein Raubmordkopieren ist damit unmöglich. Böse gesagt bedeutet das auch, dass der Hoster die provideten Ressourcen so zunageln kann, dass z.B. ein Desktop aus der Cloud nur vorinstallierte Anwendungen zulässt oder bestimmte Programme an der Installation hindert. Im Vergleich zu diesen Kontroll-Möglichkeiten ist der jetzige Zustand, der von der Open Source Community permanent beklagt wird, gradezu lachhaft.
Ich sage nicht, dass Cloud Computing grundsätzlich schlecht ist, auf gar keinen Fall - schließlich arbeite ich in der Branche! Nur sehe ich es aktuell so: Für Unternehmen bieten die Technologien, die dahinter stecken, ganz gewaltiges Potential für eine Vereinfachung und Zentralisierung der Administration sowie enorme Einsparungen in den Haltungskosten. Entweder als Public Cloud für die, die keinen Administrator haben oder als Private Cloud für die, die jemanden für die IT anstellen.
Der Endkunde aber wird durch das ganze bunte Marketing, das derzeit aufgezogen wird und den Begriff hochstiliert, geblendet und in seiner Erwartungshaltung fehlgeleitet. Natürlich kann auch der Privatmensch von der Online-Bereitstellung von Services profitieren (Beispiel Webmail), aber niemand braucht zu erwarten, dass wie in der Microsoft-Werbung durch Hexerei und Feenstaub sich der heimische Schreibtisch plötzlich zur Wunderwaffe gegen alle Probleme des Alltags verwandelt. Denn Cloud heißt nicht automatisch Backup, heißt nicht automatisch Datenschutz, heißt nicht automatisch einfachere Programme, heißt nicht automatisch mehr gesunder Menschenverstand. Auch wenn die Werbung mit der blöden Familie das behauptet.

Von prophet am Freitag, Dezember 10, 2010 um 18:11

Wildschaden

Nackt stand der alte schmutzige Mann, den alle nur als den "Grantler" kannten, Nachts knietief im Schnee, der sich im Dickicht angesammelt hatte. Mit zusammengekniffenen Augen beobachtete er die Straße, die sich durch die Pampa schlängelte. Als sich in der Ferne zwei hell leuchtende Punkte zeigten, bückte er sich vor, um die Kreaturen der Wildnis herbeizubeschwören. Mit knorrigen Fingern griff er sich seine Pobacken und zog sie auseinander, bis er ein markerschütterndes Donnern von sich gab. Innerhalb von Sekunden hatten sich einige Rehe, die dümmsten Geschöpfe der Natur, um ihn versammelt. Irre kicherte der Alte. Er würde sich rächen an der Menschheit, für,...für äh...für alles halt, und zwar Person pro Person. Keuchend deutete er auf die näher kommenden Lichtkegel, woraufhin eines der Tiere sich im gestrecktem Galopp zur Straße aufmachte. Als es auf dem Asphalt angekommen war und direkt in die Helligkeit sprang, gab es ein lautes Knallen und Kratzen. Kichernd zog sich der nackte Alte in seine Erdgrube im Wald zurück.


~based on a true story~

Von prophet am Samstag, Dezember 04, 2010 um 20:56

Schneeball

Ein gewaltiger Meteorit aus Schnee und Eis treibt durch das All. Hinter sich her zieht er einen weißen Schweif aus Staub und Frost. Auf seinem Weg durch die Unendlichkeit passiert er Gürtel aus Gestein, riesige Kugeln aus Gas, Nebel die nach dem Tod einer Sonne und ihres Systems in bunten Farben und unvorstellbaren Formen die Galaxien schmücken, junge und alte Sonnensysteme, lebendige wie tote Planeten. Wie lange er schon durch das All fliegt und von wo er stammt, ist unmöglich herauszufinden.
Auf der Oberfläche des Meteoriten aus Schnee ist es noch kälter als im bereits entsetzlich frostigen All. Durch die ungebremste Bewegung durch den Raum, der von der Anziehungskraft der großen Planeten immer wieder gebogen wird, schneidet das Eis über die Oberfläche. In einer kleinen Spalte zwischen zwei massigen Schneewehen gibt es eine kleine, dunkle Tür ohne Griff. Hinter ihr gibt es einen schmalen Korridor, der durch das Eis in den Kern des gefrorenen Weltraumreisenden führt. In der Mitte gibt es einen mäßig ausgeleuchteten Raum, in dem eine kleine Sitzbank steht.
Auf ihr sitzen, in dicke Winterkleidung gestopft, Ernie aus der Sesamstraße und Anne Will von der ARD.
"...weshalb ich bei der Schlagzeile "Schmiergeldverdacht bei der HSH Nordbank" immer an "Hör mal wer da hämmert" denken muss - man weiß schon, wenn in dem Clip vor dem Titellied Tool Time zu sehen ist, dass sich Tim aus Doofheit verletzen wird, aber man lacht trotzdem.", schließt Ernie seinen Satz. Der Star aus der Kindersendung mit dem orangen Kopf blickt zu Frau Will herüber, die zitternd ihre Hände aneinander reibt und ihm nicht zuhört. Ernie nahm daran keinen Anstoß und fuhr fort. "Die Politik indessen lässt diese Bank, diese Aneinanderreihung von Desastern aber fortbestehen, weil sie glauben, dass eine Auflösung der Bank als ein viel größeres Scheitern in der Öffentlich wahrgenommen werden würde als jeder Korruptionsskandal.", ereifert er sich und schüttelt den ovalen Kopf. "Apropos Politik - wieso muss dieser Waschlappen, dieser profillose Weichspüler von Wulff, der schon als Ministerpräsident zwar in jeder Fernsehsendung erschien, aber seine Wahlversprechen nie einlöste, jetzt dem Volke diktieren, dass es sich bedingungslos hinter Israel zu stellen hat? Erstens sind die am anderen Ende der Welt und zweitens sind das die größten Kriegstreiber in der Region, die bis an die Zähne mit Atomwaffen gerüstet ohne Rücksicht auf Verluste seit Jahren beratungsresistent ihren Ausbau vorantreiben, egal wie viel sie damit ihre Nachbarn provozieren! Warum müssen wir uns jetzt mit denen auf eine Seite stellen? Weil der Wulff den geschichtsbewanderten Weltmann geben wollte und diese Phantom-Kollektivschuld gegenüber der Welt verlängern will? Wir sind doch kurz davor, dass jeder, der zu der Zeit gelebt hat, inzwischen tot ist - irgendwann MUSS das doch mal verjähren! Oder nicht?", fragt er in Richtung von Anne Will, die inzwischen aufgestanden war und fröstelnd von einem Fuß auf den anderen tritt.
Ernie lächelt (bzw. er behält den Gesichtsausdruck, den er immer hat, bei). "Ich mag es, wenn es kalt ist. Alles fühlt sich so sauber an, man schwitzt nicht und kann dicke Kleidung anziehen, die zu einem gewissen Grad Fettleibigkeit kaschieren kann", murmelt er und streicht sich über den Bauch, der unter einem Wust aus dicken Jacken steckt.
"Im übrigen ist es für mich kein Wunder, dass die Leute von Wikileaks, deren Agenda ich moralisch sehr unterstütze", sagt Ernie und legt eine Pause ein, um eine Reaktion von Anne Will abzuwarten, "an so kritische Daten gekommen sind. Anhand dessen, was ich bisher von der IT und dem technischen Verständnis in Verwaltungen angetroffen habe, steht bei Interpol vermutlich ein einzelner Windows 2000 Server von Wortmann, der komplett in dunkelbraunem Staub versinkt und den nächsten Neustart nicht überlebt." Anne Will blickt auf. "Sie waren mal in der IT tätig?", fragt sie, woraufhin Ernie erschrickt, war es doch das erste, was die Dame seit langem gesagt hatte. "Ääääh. Ja, auchmal, aber nicht mehr. Letzten Endes muss man immer nur ausbaden, was sich irgendwelche Spinner auf Papier ausgedacht und ohne Tests als praxisfähig entschlossen haben.", erklärt die orange Puppe. Anne Will zieht sich einen kleinen Block aus der Jackentasche und macht sich Notizen. "Außerdem hat wohl keine andere Branche so viele Überstunden, die man nie vergütet kriegt. Glaube ich.", ergänzt Ernie.
Eine kurze Pause, in der Ernie in Gedanken zu Boden blickt und Frau Will ihren Block wieder in die Jackentasche steckt.
"Ich frage mich manchmal, wie viele Profile es von mir gibt. Die ich nicht kenne, meine ich. Irgendwelche Daten, die miteinander verknüpft und ausgewertet werden. Natürlich kommt man heutzutage nicht umher, manchmal Informationen abgeben zu müssen, aber wie oft wird sowas dauerhaft hinterlegt und verarbeitet? Die Frage ist wohl, ob diese Datensätze verknüpft werden. Wenn die Einkäufe, die mit Kreditkarte getätigt werden, verbunden werden mit GPS-Daten, die Aufenthaltsorte archivieren, dann wird man direkt mit Werbung für Geschäfte konfrontiert, an denen man vorbeikommt. Nicht, dass es sowas nicht schon im Internet gäbe. Aber ich glaube, das wird immer mehr. Wenn dann ein großer Konzern eine kleine Firma schluckt haben die ja auch die Daten, die die kleine Firma gesammelt hat. Und in den AGBs der großen Firma stehen dann auch wieder andere Sachen als vorher. Nicht, dass irgendjemand lesen würde, was eigentlich darin steht und was das für die Kunden bedeutet. Hauptsache schnell kaufen und nicht über solchen Kram nachdenken müssen - das Leben ist so kompliziert, dass man keine Gehirnkapazität mehr über haben kann...", sagt Ernie und seufzt. Anne Will niest. "Gesundheit", sagt der Kinderstar, und Anne Will nickt dankend.
Ernie blickt plötzlich sehr ernst. "...haben Sie schonmal das Gefühl gehabt, dass alle anderen Leute irgendetwas wissen, dass Sie nicht wissen, und deshalb anders durch's Leben gehen, aber Sie haben Angst, zu fragen, weil Sie sich irren könnten und dann blöd darstehen?".
"Was?", fragt Anne Will verwirrt. "Nichts.", sagt Ernie und schüttelt den Kopf. "Es ist nur-", fängt er den nächsten Satz an, als der Schnee-Meteorit von einem großen Felsen getroffen wird, der ihn vollständig zerstört.
Zweihundert Jahre später gerät der Schnee in den Antrieb eines Raumschiffes, der daraufhin ausfällt. Die Techniker an Bord sind jedoch in der Lage, die Triebwege zu reparieren und ihre eilige Lieferung an Pornographie von einem Sonnensystem zum nächsten fortzusetzen.

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