Wegen Überfüllung geschlossen
Die Erschöpfung der öffentlichen IPv4 Adressen ist nun wahrlich nicht erst seit gestern bekannt und spukt schon seit Jahren durch die Fachpresse. Dieser Tage steht es besonders hoch in den Schlagzeilen, denn die offiziellen Counter und Restlaufanzeigen der IANA stehen inzwischen auf Null. Das bedeutet, dass es keinerlei freie IPv4 Adressen mehr gibt, die neu vergeben werden könnten (davon ausgehend, dass die Unmengen an Adressen, die von Universitäten und der amerikanischen Regierung ungenutzt reserviert sind, nicht freigesetzt werden). In der Praxis führt das dazu, dass ISPs von nun an nicht mehr Kunden haben dürfen, als ihre Adress-Pools groß sind. Da im Normalfall einem Provider die Adressen nicht weggenommen werden (und er sie nicht verkauft?), bedeutet das für den Endkunden nicht, dass er Angst haben müsste, dass morgen sein Internet nicht mehr geht. Aber es bedeutet, dass die Provider sich nun damit beeilen müssen, an ihre Kunden IPv6 Leases zu vergeben und, dass Enduser darauf achten müssen, dass ihre Router auch dieses Protokoll sprechen.IPv6 gibt es seit 1998. Zwar benutzen Institutionen wie das amerikanische Verteidigungsministerium, große Konzerne wie Google, Seiten wie Facebook und Heise sowie einige Enthusiasten zu Hause bereits IPv6, die überwältigende Mehrheit aller Firmen und Haushalte auf der Welt ist aber noch auf IPv4 eingestellt. Für zu Hause sehe ich für die Umstellung wenig technische Schmerzen, denn Windows Vista und 7 laufen ab Werk mit v6 aktiviert, bei Windows XP kann man es nachinstallieren und Linux kann auch damit umgehen. Im schlimmsten Fall wird ein neuer Router fällig und niemand weiß mehr, welcher PC welche IP hat (wenn man zu Hause kein DNS einsetzt). Die Frage ist nur, wie man der Hausfrau, die mit viel Mühe und Not ihre E-Mails gelesen kriegt, erklärt, dass sie auf ein anderes Netzwerkprotokoll umstellen muss.
Viel mehr Probleme wird vermutlich die Umstellung der Firmen darstellen. Nach dem, was ich durch die Arbeit bedingt mitkriege, sind viele Unternehmen aktuell dabei, auf Windows Server 2008 (R2) umzustellen (so mancher hat noch NT4 im Produktiv-Betrieb), und dann steht auch noch Office 2010 an, das bisher kaum jemand benutzt. Dann gibt es noch Software-Updates und neue Versionen und die Fachanwendungen, deren Spezifikationen sich ändern - kurzum, ich kann mir vorstellen, dass vielen Unternehmen die Ressourcen für einen Umstieg fehlen. Wenn es dann noch keinen sofortigen Nutzen daraus gibt, an der vorhandenen Infrastruktur etwas zu ändern ("es läuft doch"), dann wird sich die Geschäftsführung wohl kaum dazu durchringen können, der IT dafür ein entsprechendes Budget bereitzustellen.
Die große Frage bleibt auch, ob die Firewall-Hersteller und Programmierer sonstiger Sicherungssysteme damit nachkommen, ihre Produkte auf v6-Basis zu entwickeln, denn im Moment lassen sich viele Firewalls umgehen, weil sie nur auf IPv4-Ebene funktionieren.
Alle, die IT und Technologie aus rein akademischer Sichtweise betrachten, predigen jetzt den Tod von v4 und die kontrollierte Umstellung auf v6, damit wir v4 sobald wie möglich komplett zu den Akten legen können. Ehrlich gesagt sehe ich aus genannten Gründen keine Chance, dass sich in der Realität die Welt so schnell umstellen lässt. Für das Ende des Jahres 2012, ja Zwölf, prophezeie ich, dass immer noch die überwältigende Mehrheit auf IPv4-Basis betrieben werden wird. Vermutlich werden die Übergangsmechanismen wie ein Tunneling oder Dual-Stacks sich langsam verbreiten und dabei sehr sehr viele undurchsichtige Probleme erzeugen, die mehr als nur eine durchgearbeitete Nacht hinter sich herziehen. Bis der Umstieg vollständig vollzogen ist, wird es vermutlich keine normalen Computer mehr geben, sondern durch Nanotechnologie aufgerüstete Gehirne, in den Köpfen von Menschen, die sich nur noch im Cyberspace bewegen. And the sky above the port was the color of television, tuned to a dead channel.
Sollte die Umstellung zu viele Probleme bereiten, bleiben ARIN (Nordamerika) und RIPE (Europa) einfach auf IPv4 und der Rest der Welt, also die südliche und östliche Hemisphäre, bekommen ihr eigenes IPv6 Internet. Dann ist zwar eine Kommunikation untereinander nicht mehr möglich, aber da ich in meinem Leben noch nie irgendetwas aus der Mongolei, Indonesien oder Peru wollte, wäre zumindest in meinen Augen der Verlust absolut zu verschmerzen. Der eiserne Vorhang 2.0 kann kommen.














2 Comments:
Große Firmen werden wohl tatsächlich die meisten Probleme haben - abgesehen davon, dass man sich erst einmal durch zig Instanzen arbeiten muss, bis alle zuständigen Stellen ihr ok für einen Wechsel gegeben haben, heißt das ja auch, dass man (im ungünstigsten Fall) einen Weg finden muss, um mehrere tausend Rechner so umzustellen, dass sich der Produktivitätsverlust in engen Grenzen hält. Erfahrungsgemäß mehr als schwierig.
Und was den Nachsatz angeht - meine Interessen an usbekischen Websites sind auch eher gering, aber ich fände es bedenklich, wenn die Usbeken keine Chance mehr hätten, auf europäische Seiten zuzugreifen.
Der eiserne Vorhang 2.0 gefällt mir ausgesprochen gut! Das mit IPv6 ist, wie ich finde, so'n bisschen wie mit dem Duke (Jaaa, ich weiß, dass der jetzt wirklich bald kommt.). Insgesamt werden wir wohl gar nicht mehr miterleben, dass das Protokoll umgestellt wird. Oder wir sind bis dahin alt und grackelig. Und dann kannst du mit zahnlosem Mund sagen: "Ich hab's doch immer gewusst, dass das mal kommt." Na ja, oder so halt.
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