Virtualität
Man virtualisiert ja den ganzen Tag. Server, Desktops, Anwendungen, Bandwechsel-Geräte und Tapes, Drucker, Roboter, sogar Benutzer(-profile) virtualisiert man heutzutage rauf und runter. Dabei fängt man wie schwachsinnig zu grübeln an.Ignorieren wir mal kurz Vorteile wie Live-Migration und Endgerätewechsel und all den ganzen Reigen. Ein virtueller Server leistet genau so viel wie ein in Hardware gegossenes System. Ob ich meinen Webserver, Exchange oder meine Datenbank direkt auf dem Blech installiere oder als VM obendrauf betreibe, nimmt sich nach außen hin nichts. Damit ist die VM genauso viel wert wie ein Hardwaresystem. Ob mein Windows 7 physikalisch unter dem Tisch steht oder über RDP oder ICA auf meinen Bildschirm kommt, merkt der User heutzutage kaum noch. Das selbe wie für VMs gilt für Dateien schon viel länger: Ob ich ein Dokument als PDF-Datei oder auf Papier ausgedruckt habe, macht keinen Unterschied, beides kann ich lesen, beides bietet mir das selbe Erlebnis, beides muss ein Unternehmen für den Staat zehn Jahre revisionssicher archivieren.
Warum also nicht der Rückschluss, dass absolut alles, was man virtuell erlebt, seien es Unterhaltungen, Musik, Bilder und sonstige Erlebnisse, gleichwertig mit der realen Welt ist? "Das ist doch alles nicht echt" zieht nicht mehr wenn alles digitale genau so real oder irreal ist wie die Realität. Wenn ich mich mit einem Menschen unterhalte und es sonst niemand hört - und ich diesen Menschen dann nie wieder treffe - ist das Gespräch danach irreal, denn es ist nur in meinem Kopf, egal, ob es über Instant Messaging, Telefon oder von Auge zu Auge verlief. Jedes Erlebnis das wir erfahren ist immer in gleichem Maße real oder irreal. Und sind wir nicht die Summe unserer Erfahrungen plus X?
Ich wurde vor Ewigkeiten in einem Bericht über Videospiele und deren Kulturkreis mit einer Aussage konfrontiert, die mir bis heute bewusst geblieben ist: Es geht nicht um virtuelle Realität, sondern um reale Virtualität. Zwar sind die zwanzig Goldmünzen aus dem Rollenspiel keine echten zwanzig Goldmünzen, aber es gibt sie als Datensatz wirklich, sie sind existent, und wenn es nur eine Zelle in einer Datenbank ist. Mehr ist das echte Geld auf dem echten mageren Konto nämlich auch nicht: Ein Datensatz in einem Computer, und kein Stapel Bargeld. Auch Facebook als Ding ist nicht real und greifbar, und dennoch hat es einen wirtschaftlichen Wert, und zwar nicht zu knapp.
Was real und was irreal ist, verschwimmt in unserer Welt immer mehr. Wodurch definiert sich real eigentlich noch? Dadurch, dass etwas physikalisch greifbar ist? Auch Zellen in Datenbanken, die von Maschinen automatisch eingefüllt werden, die innerhalb von Sekunden wieder verschwinden und die kein Mensch jemals lesen wird, sind real, denn sie werden erzeugt, indem Elektronen arbeiten. Würde man dies verneinen, wären auch Blitze nicht real. Ist das Gewitter jetzt echter als der Eintrag in der Datenbank, der bestimmt, ob ich arm oder reich bin? "Alles natürliche" ist auch keine Antwort, sonst wären Autos und Züge und Flugzeuge nicht real.
Real und Virtuell sind Begriffe, deren Inhalt sich mit der Zeit geändert hat. Bedeutete virtuell früher einmal fast schon so etwas wie "ausgedacht", ist es heute nur eine andere Form von Realität. Sind nicht auch ausgedachte Dinge real, weil wir uns an sie erinnern können und sie damit in unserem Gedächtnis auf einer Ebene mit Dingen stehen, die "wirklich" passiert sind? Das einzige, das sich davon noch eindeutig abtrennen lässt, ist die Lüge. Wenn in meiner Zelle in der Datenbank auf dem virtuellen Server "x" steht, dann steht dort auf einer virtuellen Festplatte in einem virtuellen Storage-Pool auf einem virtuellen Volume auf mehreren physikalischen Festplatten genau diese Information und nichts anderes. "y" wäre eine Lüge, denn das "x" ist real, auch wenn es virtuell ist.
Vielleicht ist das der Unterschied zwischen "real" und "virtuell". Real ist, wenn ich erkenne, dass ich in einem Auto und nicht in einem Nashorn sitze. Virtuell ist, wenn man den Datenbank-Spezi für 3000 Euro am Tag kommen lassen muss, damit er einem erzählt, dass "x" in der Tabelle steht. Virtuell ist quasi real in teuer.














4 Comments:
Wer weiß, vielleicht ist es irgendwann umgekehrt.
Dieser Kommentar ist real.
@Citara: Ist teilweise schon so, sonst würde es nicht diese ganzen Fernsehserien geben, die dem Zuschauer die Grundlagen des Lebens vermitteln müssen.
@Maak: Das ist ja genau mein Punkt!
»Virtuell ist real in teuer.« Der Satz fetzt. Übrigens bist du sooooo kurz vor der Definition der Matrix, würde ich mal behaupten.
Ach ja, wenn man den ganzen Post am Stück liest und dann die Kommentarbox mit weißem Grund öffnet, hat man schwarze Streifen vor den Augen. Auch das ist, wie ich finde, ziemlich real.
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