Von prophet am Sonntag, August 14, 2011 um 16:18

Techniversum

//Nachdem Firefox vier und fünf kurz hintereinander erschienen, ist auch sechs auf dem Markt, bei sieben wird nur ein kurzer Halt eingelegt, um direkt auf acht zu springen, das bereits angekündigt wurde. Wieviel Sinn der Rausch durch die Major Releases macht, ist fragwürdig. Vielmehr geht es Mozilla darum, mit Internet Explorer 9, Chrome 13 und Opera 11 mitzuhalten und durch die hohe Versionsnummer ein langjährig erprobtes, stabiles Produkt zu vermitteln. Dabei ist Mozilla vom hippen Alternativ-Programm zum Standard-Browser für alle älteren Herren geworden, die privat die ComputerBILD lesen und deshalb nach eigener Einschätzung total Ahnung von Technik haben.

//In England toben weiterhin die Randalierer auf der Straße (nicht Protestanten, denn es gibt nichts, gegen das sie ausdrücklich protestieren würden). Premierminister Cameron kündigte deshalb an, dass die Regierung nicht davor zurückschrecken würde, "Sozial Media" wie Facebook, Twitter oder Blackberry Messenger zu blockieren. Ob ein mit Molotov Cocktails auf Polizisten schmeissender Jugendlicher, der die Gelegenheit zum Plündern wahrnimmt, unbedingt seinen Blackberry mitbringt, wage ich zwar zu bezweifeln, aber das sei mal dahingestellt. Vielmehr geht es darum, dass England die selben Maßnahmen wie Ägypten unter Mubarak, China oder der Iran öffentlich in Erwägung zieht. Es macht außerdem erneut klar, wo genau der wichtigste Punkt in der heutigen Kommunikationsgesellschaft liegt: bei den Providern. Schaltet die Telekom oder 1&1 oder wer auch immer einen Hausanschluss ab, ist's Essig. Ruft der Staat beim ISP an und fordert die Daten ein, wird er sie auch bekommen. Soll eine Webseite landesweit blockiert werden, ist das für den ISP-Administrator kein großer Aufwand. Da hilft auch das schönste Proxy-Netzwerk und die sauberste Verschlüsselung von Datenverkehr nichts, wenn der Provider den Anschluss abklemmt, ist Schluss.

//Belustigend finde ich den Ausfall von Amazons Rechenzentrum, das sie zum Hosting von Servern nutzen. Unzählige Firmen saßen auf dem trockenen, weil ihr Exchange, FTP oder Webserver nicht mehr erreichbar war. Wieviele daraus gelernt haben, nicht gutgläubig ihre betrieblichen Prozesse in die Hände eines externen Konzerns zu legen, ist eine Frage, die mich brennend interessiert. Wenn schon ein so professioneller Anbieter wie Amazon (der übrigens eine angepasste Version von Citrix XenServer und Provisioning Services nutzt) nicht in der Lage ist, eine permanente Verfügbarkeit sicherzustellen, was ist dann erst mit kleinen Hostern, die nicht so viele Ressourcen in die Sicherung ihrer Dienste stecken können? Die große Verlockung bei Amazon sind die anfangs kleinen Preise, die mit Discounter-Preisen einen Server versprechen, der sonst für diverse Tausende selbst angeschafft, gepflegt und gesichert werden müsste. Dass die Rechnung für den Server sich dann aber auch aufsummiert, wird oft erst im Nachhinein klar. Und dann ist die Frage nicht unbedingt "Wie komme ich in die Cloud?", sondern "Wie komme ich wieder heraus?".

//Ich kann keine Tablets mehr sehen. Jeder einzelne Kistenschieber in der Branche, von HP über ASUS zu Wortmann, muss unbedingt in den Tablet-Markt einsteigen, nur weil eine gewisse Spielzeugfirma ein entsprechendes Produkt dem eigenen Konsumenten-Kreis in den Rachen gestopft hat. In meinen Augen sind die Geräte zu klein, durch die Abhängigkeit von Bildschirm-Tastaturen grässlich zu bedienen und komplett unpraktisch als primäres Arbeitsgerät. Natürlich kann man sie als überteuerte PDF-Leser und Netbooks verwenden, aber das rechtfertigt nicht den Hype. Warum Tablets, die nicht mehr als eine Mischung aus Smartphone und Laptop darstellen, vom privaten Markt in den Business-Bereich drängen müssen, wird in der Branche als "Consumerization" bezeichnet: Der Wunsch, den einfachen Klicki-Bunti von zu Hause auch am Arbeitsplatz einzusetzen. Die Marketing-Argumente, dass durch diesen Wohlfühlfaktor am Arbeitsplatz die Produktivität erhöht wird, halte ich für Grütze. Was den durchschnittlichen User am Arbeitsplatz aus IT-Sicht wirklich zufriedener macht sind sich schnell öffnende Programme, kurze Anmeldezeiten und das Wissen, sich nicht um die Technik Gedanken machen zu müssen.

//Wenn man mit einem Sales-Menschen redet der seit zig Jahren in der IT Branche tätig ist und sich dann fragen lassen muss, ob "Office das mit Outlook und Word und so" ist, dann wird wieder schmerzlich bewusst, wie es in der Technik-Welt läuft: Der Entwickler plaudert ein paar grobe Ideen aus, der Systemtechniker plant sie fest in die Anlage mit ein, der Verkäufer versteht die Informationen nicht, verspricht dem Kunden ein vages Irgendwas, das der Systemtechniker dann installieren muss und nachts um 23:00 den Entwickler anruft, warum der Scheiss nicht geht, woraufhin dieser Antwortet, dass die Kompabilität noch nie ansatzweise geprüft wurde.

3 Comments:

Blogger PhanThomas sagte...

Der letzte Absatz kommt dem hier ziemlich nahe: http://www.buena-la-vista.de/buenalog/wp-content/uploads/projektmanagement.jpg

Die Gültigkeit scheint ähnlich unabdingbar zu sein wie Schwerkraft. Ich versteh's nicht ...

15.08.2011 00:05:00  
Blogger Okami Itto sagte...

Der PC hat doch noch nie der Wirtschaft irgendeinen Schwung gegeben, warum sollte es jetzt eine Spielerei wie die Tablets erreichen? Naja, wegen Unwissens dieser Art werde ich ja auch nie in die Wirtschaft gehen... oder kommen.

15.08.2011 10:48:00  
Blogger Citara sagte...

Ich kann Tabletts nichts abgewinnen, als PC ersatz schon gar nicht.

15.08.2011 12:59:00  

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