Von prophet am Sonntag, November 06, 2011 um 12:30

Assoziatives Schreiben

Auch wenn sich nur erschreckend wenige Menschen dazu durchringen konnten, mir Begriffe zu hinterlassen, so dass ich diesen Beitrag schon um eine Woche verschieben musste, arbeite ich mit dem, was ich habe. Meine Assoziation zu...

Hexenhammer (Thomas)
Hexenhammer könnte sehr gut eine Musikgruppe sein, die ich mir anhöre. Tatsächlich gibt es eine Kapelle unter diesem Namen, die mir bisher unbekannt ist. Ein schneller Klick auf Google und Myspace (dessen einzige Lebensberechtigung im Jahre 2011 Hörproben von Musik sind) zeigt: natürlich gibt es eine Metalband aus NRW unter diesem Namen. Deathgrind muss man das nennen, und es gefällt mir. Thomas, ich bin stolz auf dich, endlich kommen vor dir mal anständige Musiktipps! All die Jahre der Musikreviews auf AWtC, die um die Ohren geschlagenen Nächte um meine Meinung als Fakt zu verkaufen, das ewige Getippe, Gelösche und Neu-Getippe und endlich bekommt man mal was zurück! Rührend! *schnief* Die sofortige musikalische Assoziation rührt von zwei Quellen her.
Zum einen sind Hexen als okkultes Symbol tief im klassischen Doom Metal durch Bands wie Witchfinder General verankert. Da diese Bands aus England kamen, griffen sie britische Geschichte auf, darunter ihren Namensgeber Matthew Hopkins, der im 17ten Jahrhundert in England unter dem selbst vergebenen Titel "Witchfinder General" in zwei Jahren mehr "Hexen" ermordete als es in England in den vorausgegangenen 100 Jahre der Fall war. Das Schriftstück Hexenhammer diente sicherlich auch als Legitimation für das Vorgehen von Hopkins. Die Mischung aus Okkultem und Brutalität ist natürlich eine großartige lyrische Vorlage für jeden Metal Song. Das Motiv hat sich dann vom Doom vererbt, hinein in den ultraheavy Stonerdoom, den Bands wie Electric Wizard oder Acid Witch oder Witch Mountain spielen.
Zum anderen gibt es diese Gewohnheit, Bruchstücke von Bandnamen zu nehmen und sie neu zusammenzupflücken. Unzählige Bands, die von Discharge beeinflusst wurden, haben ein Dis- vorne im Namen. Das selbe Phänomen gibt es mit Hellhammer, Bands mit Namen wie Dishammer oder Wulvhammer sprießen wie Pilze aus dem Boden. Die meisten sind noch nicht einmal schlecht, aber ihre musikalische Herkunft lässt sich rauslesen und raushören.
Insofern müsste Hexenhammer eigentlich statt dem Death Metal / Grindcore, den sie spielen, eine Mischung aus dem Doom Metal und Black Metal der ganz frühen 80er produzieren. Wenn der Name denn Gesetz wäre.

Navigation (Thomas)
Es hat relativ lange gedauert, bis ich mit einem Navi (nicht zu verwechseln mit Navi oder Na'vi) gefahren bin. Damals hatte ich noch kein eigenes Auto und musste mit Muttis Karre leihen. Die erste Fahrt war nur, um das Gerät auszutesten, einige Dörfer weiter. Warum ich durch die Parkbucht bei der Autobahnausfahrt fahren sollte, um dann auf die Autobahn zu gurken, war mir in dem Moment schleierhaft und wurde einfach mal ignoriert. Mal gucken, wie die Tussi in dem Gerät reagiert, wenn ich nicht tue, was sie mir sagt. Der Rest der Fahrt verlief dann aber mit neu berechneter Route ohne Zicken.
Die zweite Fahrt war eher belustigend. Als Beifahrer, wenn der/die Fahrer/in die Route in- und auswendig kennt, das Navi aber einen anderen Vorschlag hat, hat einen gewissen Unterhaltungswert. "In fünfzig Metern - rechts abbiegen." "NE-HEIN!" "Es kann dich nicht hören." "DAS IST MIR EGAL.", und so verlief es auch den Rest der Fahrt. Die dritte Tour war dann alleien durch Hamburg durch, zu einem Bewerbungsgespräch hin. Als einzige Hürde stellte sich dar, dass man bei den diversen Abfahrts-Möglichkeiten in der Stadt abschätzen musste, welche davon jetzt mit "in 100 Metern" gemeint war und öfters mal zu fehlerhaftem Blinken führte. Inzwischen ist die Fahrt mit Navigationsgeräten Routine geworden, wenn man zum Kunden fahren muss. Nur der Ausdruck "demnächst" im Firmenwagen macht mich immer noch wahnsinnig. Demnächst bedeutet eigentlich innerhalb weniger Tage. Warum erzählt mir dieses Gerät das jetzt? Woher weiß es, wo ich demnächst hinfahren will?

Menschenauflauf (Madse)
Das Problem mit Menschenauflauf sind oftmals die Zutaten, die nur als Füllmaterial benutzt werden, wie Broccoli. Nach dem Backofen hat dieser meist eine Konsistenz, die nicht zum Rest des Menschenauflaufes passt und ein pampiges Gefühl im Mund hinterlässt. Natürlich muss man auch bei den Menschen darauf achten, möglichst in Bodenhaltung lebende und nicht mit Implantaten, Steroiden und Medikamenten aufgeputschte Exemplare zu erwischen.
Aber im Ernst: Beim Menschenauflauf erinnere ich mich an eine Schlägerei in der fünften Klasse, an der ich beteiligt war. Es war Winter, und in der Pause auf dem Schulhof. Der andere Junge, eines der größten arrogantesten Arschlöcher das ich je in meinem Leben treffen musste, lag mit mir auf dem Boden, weil wir gegenseitig versucht hatten, und die Beine wegzuziehen. Nach einigen Minuten hatte sich natürlich ein Ring um uns gebildet, aber die Kondition ging uns beiden aus. So lagen wir einen Moment still - meine Hand um seine Kehle, seine Finger in meinen Augen, sein Knie in meinem Magen, mein Knie in seinem Schritt - und schöpften kurz neue Kraft. Der Anblick muss befremdlich für die Zuschauer gewesen sein, wie wir da lagen, schwer atmend, ineinander mehr oder minder verschlungen. Nach einem Schlag von mir in seinen Magen und einer Kopfnuss von ihm ging es dann aber weiter. Wer die Klopperei gewonnen hat oder ob sie unterbrochen wurde, weiß ich heute nicht mehr - nur, dass es mir die Schäden an der Front vollkommen wert wäre, wenn der Pisser mir mal vor's Auto laufen würde.

Asoziales Schreiben (Madse)
Asoziales Schreiben ist, wenn man unter'm Tisch auf dem Smartphone im Unterricht über Facebook einen Youtube-Link zu einem Ausschnitt aus "Frauentausch" verschickt.

Rote Heringe (Okami Itto)
Fisch ist so eine Sache. Einerseits ist er hier im hohen Norden weit üblicher als in Mittel- und Süddeutschland, andererseits liegt ein Fluch auf dem Tier. Der Fisch kann noch so schmackhaft sein, wenn man sich ständig Gräten aus dem Hals pulen muss, dann vergeht einem der Wille zum essen. Eine Kuh oder ein Huhn haben den Anstand, sich gescheite Knochen wachsen zu lassen, die man einfach entfernen kann, die leicht ersichtlich sind und i.d.R. nicht erst auffallen, wenn man sie bereits im Rachen stecken hat.
Mal so eine Scheibe Lachs auf Brot oder Heringssalat oder die Maischolle sind doch was schönes. Fischstäbchen sowieso. Aber die garstigen Widerhaken, die so einen Fisch zusammenhalten, sind die "Fuck You" antwortende Rache der Natur an der Menschheit für die Überfischung der Weltmeere. Es trägt noch nicht einmal zum Schutz der Tiere bei, es ist einfach nur pure Gehässigkeit und Niedertracht, sich als Organismus so zu entwickeln.

Postmoderne (Okami Itto)
Der Präfix "Post-" bedeutet nach, daher steht Postmoderne für die Zeit, die nach der Moderne kommt. Wann genau die Moderne endete, ist eine schwierige Frage, die nur vage und pro Sachgebiet zu beantworten ist. Ich würde behaupten, dass historisch geseehen die Moderne mit den 1960er Jahren endete (was Wikipedia erstaunlicherweise auch so sieht). Das befremdliche daran ist, dass mit dem Begriff "modern" immer etwas zeitgenössisches gemeint war, etwas aktuelles, neues. Wir leben demnach in dieser Postmoderne, der Zeit danach. Der Begriff "modern" als Ausdruck dessen, dass es dem Zeitgeist entspricht, wurde längst durch andere Wörter ersetzt.
Etwas anderes interessiert mich aber viel mehr. Es wird sicherlich nicht so sein, dass man von der Zeit nach der Postmoderne als die Postpostmoderne sprechen wird. Das klingt nicht gut, es sagt sich nicht schön. Mich würde brennend interessieren, welcher Begriff danach kommt. Ein Ausdruck ist die "Zweite Moderne", ob sich dieser in den Geschichtsbüchern durchsetzen wird, ist fraglich. Und was ist mit der Epoche?
Epochen sind geschichtliche Abschnitte mit grundlegenden Gemeinsamkeiten, die nach dem wichtigsten kulturellen und wirtschaftlichen Aspekt der Zeit benannt werden. Aktuell leben wir im Zeitalter der Globalisierung, das bedeutendste Merkmel ist die vollständige Ausbreitung der Menschheit über den gesamten Globus, die Entstehung eines Weltmarktes und die Verbindung der gesamten Welt durch Telefon und Internet. Das ist das wesentliche Kennzeichen unserer Zeit, in die auch die Postmoderne fällt.
Was aber kommt danach? Was ist das große Merkmal des nächsten großen Zeitalters, das, das mit dem Nachfolger der Postmoderne beginnen wird? Vermutlich ist es die Virtualisierung der Welt, die den abstrakten Raum des Internets in eine Kopie der "Realität" umwandelt. An ein neues Zeitalter der Raumfahrt glaube ich nicht, denn daraus können die Mächte, die die Mittel hätten, es einzuläuten, keinen Vorteil ziehen. Aus der Virtualisierung sehr wohl - durch Themen wie Cloud Computing und die einfache, da digitale Überwachung von Kunden und Bürgern lässt sich Profit schlagen, lassen sich Rechte unterminieren und Pflichten und Zwänge einführen.
Unsere Postmoderne wird es noch so lange geben, wie es Menschen gibt, die die Moderne als Bezugspunkt sehen. Sterben diese Generationen aus, muss etwas neues entstehen.

3 Comments:

Blogger Madse sagte...

Gefällt mir sehr, was du aus den Begriffen rausgeschrieben hast. Speziell deine Ausführungen zum Thema Fisch unterstütze ich.

06.11.2011 14:27:00  
Blogger Thomas Meyer sagte...

Du, ähm, hast einen Firmenwagen? Was mach ich falsch? Ach. Und gern geschehen, also das mit der Band. Natürlich wusste ich das alles, ahem.

08.11.2011 22:01:00  
Blogger prophet sagte...

Nein ich habe keinen eigenen Firmenwagen.

09.11.2011 20:22:00  

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