Von prophet am Mittwoch, Dezember 14, 2011 um 17:20

Monitoring

Das graue Bild auf dem kleinen Monitor flackerte immer wieder kurz auf und stockte, bevor es dann flüssig weiterlief. Ernie aus der Sesamstraße tippe mit seinem behandschuhten Finger gegen die Bidlfläche, ein Brauch, der in digitalen Zeiten längst veraltet, aber immer noch beliebt war. Er lehnte sich wieder in den Stuhl zurück und ließ seinen Blick über die diversen kleinen Bildschirme schweifen. In der relativ engen Kammer die nur durch die Abwärme der Elektro-Geräte vor der Kälte bewahrt wurde, saß neben ihm auf einem noch abgewetzteren Stuhl als dem seinen Hernando "Friemel" Kollschewski, Urenkel von Erwin und Erna Kollschewski. Seinen Spitznamen verdankte er dem Tick, ständig mit seinen Fingern an etwas herumfriemeln zu müssen. Aktuell pulte er an einem Stück Bleck aus der Vorkriegszeit herum, auf dessem roten Lack in weißer, geschwungener Schrift irgendetwas unlesbares stand.

Ernie kniff seine Kulleraugen zusammen und starrte eine Weile auf einen der Monitore. Schließlich zeigte der Star der Sesamstraße auf den kleinen Bildschirm und machte Hernando darauf aufmerksam. "Hey, guck mal", sagte er. Friemel blickte von seinem Stück Blech auf und schaute auf das kleine, flackernde Bild. "Warte mal Holmes, ich stelle ihn größer", sagte und, drückte einige Knöpfe und ließ dieses Kamerabild auf dem größten der Monitore in der Mitte der Wand erscheinen.
Zu sehen war - nach einem kurzen Ladebildschirm mit dem vierfarbigen Logo der Firma -eine leere Gasse irgendwo in der Stadt, nur durch die Nummerierung der Kamera genau zu identifizieren. Eine Person, vermutlich ein männlicher Jugendlicher, kam der Kamera immer näher. In seiner Hand hielt er eine Papiertüte.
"Schauen wir mal, wer unser Freund hier ist", sagte Ernie. Er stoppte das Bild, markierte das Gesicht der Person und ließ das Erkennungsprogramm durchlaufen. Innerhalb weniger Sekunden war die Datenbank durchforstet und neben dem Gesicht erschienen ein Name, Geburtsdatum, Arbeitsstätte, letzte Auffälligkeiten, Verhaltensmuster, psychologische Einschätzung...das komplette Profil der Person. Ernie warf einen Blick drüber. "Kaine heisst der junge Mann. Keine größeren Auffälligkeiten bisher. Sein Vater arbeitet irgendwo einige Etagen höher.", fasste Ernie zusammen und las weiter. Hernando frickelte weiter an seiner Dose herum. Nach einigen Sekunden fuhr Ernie fort. "Potentielle Gefahren: Unordnung, Risikofreudigkeit, Gier, Zynismus, Verantwortungslosigkeit, Auswanderung.", fasste er die Informationen zusammen. "Wow", schloss er. Hernando nickte. Nur sechs Punkte waren heutzutage nicht besonders viel. Noch vor zwei Jahren war es der Durchschnitt gewesen.

Ernie zoomte weiter an den jungen Kaine heran, als der anfing, sich verdächtig umzusehen. "Ich glaube, wir sind alle programmiert.", sagte er und lehnte sein rundes, oranges Gesicht zur Seite. "Sag das nicht zu laut!", ermahnte Friemel ihn. "Als Dingsi, wie war noch sein Name, öffentlich diesen Quatsch mit den Computerchips erzählte die ihm ins Gehirn eingepflanzt worden sind, haben sie ihn weggesperrt. Dieser Kraken-Spinner.", sagte er. Ernie schüttelte den Kopf. "Nein nein, so meine ich das nicht. Ich meine, wir sind doch von Natur aus individuell programmiert. Ich meine die Profile. Wenn ich nur genug Informationen über einen Menschen habe weiß ich doch genau, wie er sich in Zukunft verhalten wird. Mann kann eine Person komplett berechnen, wenn man sich sein Profil anguckt. Nehmen wir ihn hier zum Beispiel. Was glaubst du, ist in seiner Tüte?". Frickel zuckte mit den Schultern und pulte den Lack von dem Blechstück. "Keine Ahnung", murmelte er. Ernie lehnte sich wieder im Sitz nach vorne. "Ich sage....mmh...etwas zu essen. Irgendetwas außerhalb der normalen Rationen. Irgendwas ungesundes.", spekulierte er und wirbelte mit seiner Hand herum. Auf dem Bildschirm packte der junge Mann etwas aus seiner Tüte und steckte es sich in den Mund. "Bingo", sagte Ernie und lächelte sein breites Grinsen. "Genau das meine ich. Die Kameras sind ja schön und gut, und die Ordinatoren sind bestimmt effektiv, aber das hier...", sagte er und zeigte auf den Bildschirm mit dem geöffneten Profil, "...ist die Glaskugel, die in die Zukunft guckt. Jeder einzelne Mensch ist eine Formel, in die man Variablen einfüllen kann und ein entsprechendes Ergebnis bekommt. Und hier ist die Formelsammlung.", sagte er. Hernando blickte kurz von seinem Metall auf. "Ich weiß nicht...ich glaube nicht, dass Menschen so berechenbar sind.". Ernie guckte zu ihm herüber. "Wollen wir wetten?", fragte er herausfordernd. Wie es seine Art war guckte Frickel wieder weg und zuckte still mit den Schultern. "Die Papiertüte", sagte Ernie. "Ich wette er schmeißt sie auf den Boden". Frickel schüttelte den Kopf. "Glaube ich nicht. Er hat bisher keine Auffälligkeiten und besonders dumm sieht er nicht aus. Er kennt die Regeln sowieso und sein Vater, er arbeitet hier? Er wird nicht so ein sinnloses Risiko eingehen. Nee."
Ernie zoomte weiter an den jungen Kaine heran und schwenkte die Kamera ein wenig, um ihm zu folgen. Sein Kauen hatte aufgehört, und jetzt blickte er sich wieder um. Das orange Flausch-Gesicht rückte näher an den Monitor. "Was wirst du tun, Junge? Dumm bist du nicht, aber die Hormone spielen in dem Alter schonmal verrückt. Schleppst du die leere Tüte jetzt noch mit oder bist du der große Rebell? Was darf es sein?", murmelte Ernie halb zu sich selbst, halb zu dem jungen Mann im Bild.
Kaine warf die Tüte unauffällig auf den Boden und ging weiter. Schnaubend nickte Ernie und setzte einen Alarm auf das Profil des jungen Mannes. "Siehst du was ich meine?", wandte er sich an Frickel. "Der Mensch baut sich sein Verhaltensschema einmal auf und bleibt dann dabei. Kennst du das Schema, kennst du jede Handlung der Person. Vergangene und Zukünftige. Wie eine Maschine, die nur eine Handvoll Ausgaben hat. Die Profile sind mehr wert als jedes Überwachungssystem, es ist vierdimensional." Hernando gab ein "Mhm" von sich.
"Kannst du dir vorstellen, dass die Menschen damals ihre ersten Profile von alleine rausgegeben haben? Freiwillig? Mann, die Leute früher waren echt dumm!", schloss Ernie und guckte sich auf dem großen Monitor an, wie der junge Mann zum ersten Mal in seinem Leben von einem Ordinator verhaftet wurde.

Mit dem Urteil vom 12. Mai 1998 hat das Landgericht Hamburg entschieden, dass man durch die Anbringung eines Links die Inhalte der gelinkten Seiten ggf. mit zu verantworten hat. Dies kann nur verhindert werden, indem man sich ausdrücklich von diesem Inhalt distanziert. Für alle Links auf diesem Blog gilt: Ich distanziere mich hiermit ausdrücklich von allen Inhalten aller verlinkten Seitenadressen auf meinem Blog und mache mir diese Inhalte nicht zu eigen.

kostenloser Counter