Von gutem Charakter
Es gibt Meinungen wie Sand am Meer darüber, was einen guten Charakter ausmacht. Ich meine damit fiktive Personen in allem Multimedialen. (Ausgenommen hiervon sind bewusst charakterlos gehaltene Protagonisten wie Gordon Freemann aus Half Life oder Ismael aus Moby Dick, die als leere Hüllen dienen sollen, in die sich der Leser versetzen kann.) Viele Menschen würden sagen, eine Figur in Film, Spiel und Buch muss einen Hintergrund haben (das wird dann Tiefe genannt) und mehrere Facetten einer Persönlichkeit zeigen. Ich möchte dem widersprechen. Es ist nämlich auch möglich, recht eindimensionale Figuren zu schaffen, die dem Publikum oder Leser zusagen - und genau das Gegenteil, Figuren mit ausgeklügeltem Hintergrund und mehrschichtiger Persönlichkeit, die trotzdem floppen. Ich behaupte, ein guter Charakter wird durch zwei große Elemente geformt:Empathie und Bewunderung. Und das, was dazwischen liegt.
Empathie fühlen wir vor allem, wenn wir uns mit einem Charakter identifizieren können. Dieser Charakter ist der Bezugspunkt zu dem Szenario, da man sich vorstellen kann, man selbst wäre an dessen Stelle. Der größte Sympatisant ist der ausgelutschte "liebenswerte Looser", der im Laufe der Jahre seine Form immer wieder geändert hat. Jesse Eisenberg in Zombieland oder Ron Livingston in Office Space sind gute Beispiele. Einige Filme gehen soweit, die Hauptfigur danach zu gestalten, wie der durchschnittliche Zuschauer des Films aussehen würde (Zombieland, The Last Starfighter...). Diese Figuren haben in der Regel zu Beginn eines Filmes oder Buches nur eine einzelne Facette einer Persönlichkeit, die, die der Zuschauer auch in sich selbst erkennen kann. Weitere Charakterzüge, die erst durch die Krisen, die eine Figur im Laufe einer Handlung durchmacht entwickelt werden, kommen erst später dazu, wir fühlen mit dem Protagonisten schon mit, wenn er noch eine eindimensionale Figur ist. Diese Figuren sind oft nicht besonders erfolgreich im Leben, denken aber rational, haben einen Sinn für Humor, sind aber oft unglücklich.
Eine Stufe über der Empathie steht, was ich bewundernde Empathie nennen würde. Sie beginnt wieder mit dem Looser. Wir können uns weiterhin in die Figur hineinversetzen, uns mit ihr identifizieren, aber sie hat eine einzelne herausragende Eigenschaft, etwa Können in einem einzelnen bestimmten Feld. Oftmals dient diese eine besondere Eigenschaft als Aufhänger dafür, dass die Figur in die Handlung hineingezogen wird. Beispiel hierfür sind Neo im ersten Matrix Film und Case aus Neuromancer (Hacker-Skills), Alex in "The Last Starfighter" (Pilot), Rincewind in der Scheibenwelt (Wizzard) oder Yorick in "Y - The Last Man" (Zaubertricks). Im Wesentlichen dasselbe wie die normale Empathie, nur dass der Figur ein zusätzliches Können gewährt wird, um es für die Handlung aufgreifen zu können. Ein Mittel zum Zweck. Extrema der Empathie wären zum Beispiel Finn aus Adventure Time oder Peter Parker (Spiderman) - vielleicht sogar Harry Potter.
Das Gegenstück zur Empathie ist Bewunderung. Dies gilt vermutlich für jeden einzelnen Action-Held überhaupt. Wir können uns nicht mit Indiana Jones, Boïndil "Ingrimmsch" Zweiklinge, Riddick, James Bond, Johnny Crocket, Batman, Allen Ripley, John McClane oder Conan identifizieren. Dafür bewundern wir diese Charaktere für ihre von Beginn der Handlung an herrausragenden Fähigkeiten, wünschen uns vielleicht sogar, wie sie zu sein. Deshalb stehen wir im Laufe der Handlung auf der Seite dieser Figuren und wollen, dass sie "gewinnen". Sympatien werden dadurch allerding nicht sofort erzeugt, und auf die kommt es an. Wir mögen Superman, weil er seine Kräfte einsetzt, um anderen zu helfen. Wir mögen MacGyver, weil er durch Grips statt durch Gewalt an sein Ziel kommt. Wir mögen sogar Figuren wie den T-800 in Terminator zwei, weil er so lässige Sprüche klopft.
Im Wesentlichen werden Charaktere, die man durch Bewunderung mag, durch zwei Merkmale sympatisch gemacht: Durch markige Sprüche oder durch selbstlosen Einsatz für andere. Letzteres gilt auch für Empathie-Charaktere. Bewunderung kann sogar soweit gefasst werden, dass sie auf "böse" Charaktere übergreift. Wir mögen sogar Figuren wie den Punisher, solange sie hehre Motive haben und dabei noch lässig genug rüberkommen. Diese müssen nichtmal menschlich sein (Gul Dukat).
Bewunderungs-Charaktere haben es schwerer als Empathie-Charaktere, eine wirkliche Bindung mit dem Zuschauer aufzubauen. Darum müssen sie auch Fehler machen (Tony Stark und der Schnaps) oder ein wenig Humor einbringen, um durch ihre Übermenschlichkeit den Zuschauer nicht zu sehr zu entfremden (woran Jackie Chan kläglich scheitert). Damit Bewunderungs-Charaktere wirklich hängen bleiben, müssen sie genug Charakterzüge mitbringen, um "griffig" zu sein. Das gilt besonders, wenn die Rolle ein anderes Geschlecht als der Zuschauer hat. Es muss Ecken und Kanten und Wesenszüge geben, an denen man die Figur ausmachen kann. Wenn man eine Rolle nicht so beschreiben kann, dass man sie wiedererkennt, ohne, dass man das Aussehen der Figur erwähnt, bleibt der Charakter nicht beim Zuschauer hängen und entwertet damit den Film. Darum sind auch die Resident Evil Filme der letzte Dreck und die ersten beiden Alien-Filme genial, weil an Ripley mehr dran ist als an Alice.
Charaktere, die nur durch Klamauk präsent sind und ausschließlich über Humor an den Leser/Zuschauer herantreten, sind diesem nie so wichtig wie die Figuren, zu denen er über Empathie oder Bewunderung eine Beziehung aufbauen konnte. Die Qualität einer Handlung, ob Spiel, Buch, Film oder Comic, läuft immer auf diese beiden Elemente hinaus.
Das Ziel von Empathie und Bewunderung ist gleich: Den Zuschauer emotional zu involvieren, mit den Figuren mitfühlen zu lassen. Filme mit guten Special Effects werden zwar für die Laufzeit unterhalten, aber nie langfristig Eindruck hinterlassen, wenn sich das Publikum nicht irgendwie auf die Menschen darin beziehen kann und mit ihnen die Hochs und Tiefs der Handlung durchlebt. Selbst Filme mit spannender Handlung oder guter Athmosphäre können massenhafte Wegwerf-Ware sein, wenn man sich nicht zu den Figuren darin beziehen kann. Beispiel: Nahezu jeder Horror-Film.
Filme, deren Handlung fast schon banal ist, die einen linearen Verlauf haben und keine Effekte haben, können trotzdem hängenbleiben, weil die Personen darin glaubhaft sind und dem Menschen einen Bezugspunkt geben. Beispiel : 12 Angry Men.
Genau aus diesem Grund ist auch Star Wars Episode IV ein zeitloser Klassiker, im Gegensatz zu Episode I bis III. Die Sci-Fi Oper mit ihren damals spektakulären Effekten und den fantastischen Weltraum-Gefechten gibt es in allen Filmen. In Episode IV aber gibt es einen Empathie-Charakter (Luke) und einen Bewunderungs-Charakter (Han). Zu Beginn mögen sich die beiden nicht, aber sie machen zusammen einige Krisen durch, überwinden Probleme und arbeiten zusammen, so dass sie am Schluss eine glaubwürdige Freundschaft aufgebaut haben. Darum sind zwanzig Sekunden, in denen Luke und Han nach Zerstörung des Todessterns jubeln, tausendmal mehr Wert als die zwanzig Minuten in Episode III, in denen Obi-Wan und Anakin kämpfen. Weil man mit den Charakteren mitfühlt und sich für sie freut.
Was viele Autoren, die eine romantische Nebenhandlung in ihre Geschichten einbauen vergessen ist eine Empathie oder Bewunderung auf beiden Seiten. Wenn sich der Protagonist in die Hauptdarstellerin verliebt, dann muss das für den Zuschauer nachvollziehbar sein. Bei der dramatischen Trennung muss es dem Publikum für beide Seiten wehtun, ansonsten tritt der "ja scheiss doch auf die Alte und greif dir lieber ein Gewehr"-Effekt ein. Ansonsten ist es nur ein dahingeklatschtes Element, um auch die Romantiker-Sparte zu bedienen.
Natürlich kommt es auf den Zuschauer drauf an, wem gegenüber er Empathie empfinden kann und was er bewundert. Erin Brockovich kann genauso Bewunderungsfigur sein wie Wolverine oder Zorro, nur für ein anderes Publikum. Die Grundregeln sind aber die gleichen : Wenn es mit dem Bezug zur Figur nichts wird, dann kann die Geschichte nie mehr als Unterhaltung sein. Ich würde nie behaupten, dass Unterhaltung schlecht ist, aber es kann so viel mehr sein.














8 Comments:
Schöner Artikel über Empathie und Bewunderung! Hat Spaß gemacht zu lesen.
Und ich wünsche mir btw in der Tat sehr Conan zu sein...Muskeln ohne Ende und die Frauen erfüllen gehorsam meine Wünsche ;P
Also das ist mal ein guter Blogeintrag. Nun frage ich dich, warum schreibst du nicht mal einen Roman oder ein Drehbuch? Ich mein, du hast nun so viel davon berichtet, dass es mich brennend interessieren würde, was dabei raus kommt, wenn du etwas schreibst.
Ich mag deinen Schreibstil. Und deine Gedankengänge. Schade, dass du so anonym bist. :)
Kann ich dir nur Recht geben Frau Mary Malloy...ich hatte darauf gehofft das ein Kommentar von ihm kommen würde! Ich hoff einfach mal weiter.
@Fantasy: Natürlich willst du Conan sein. Wobei ich mich schon mit Thoth-Amon zufrieden geben würde.
@Mary: Danke, aber das wird so bleiben. Das Internet weiß auch so schon mehr über mich, als mir lieb ist.
@Erdbeerwolken: Ich habe mir schon mehrfach Konzepte für Bücher überlegt, aber nichts davon hätte so recht funktioniert. Vermutlich würde ich entweder in den Genreklischees enden oder komplett schwachsinnigen abgedrehten Quatsch verzapfen. Dafür braucht man eine Stringenz, die ich nicht habe. Andere Leute können sowas besser.
hehe, das hat mich jetzt schwer an das hier erinnert: http://redlettermedia.com/plinkett/star-wars/star-wars-episode-1-the-phantom-menace/
zufällig vorm schreiben angesehen?
(achtung lang! aber lohnt! sehr!!!)
Teilweise davon inspiriert, das gebe ich zu. Ich musste auch feststellen, dass er in seinem neuen Indiana Jones Review meinen Bewunderungs-Punkt hervorgehoben hat - insofern übereinstimmende Meinungen.
Ich bezweifle das etwas schwachsinniges bei dir herauskäme. Es lässt mir keine Ruhe....besitzt du vielleicht noch ein paar Zeilen?
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