Primitivismus
Vielleicht liegt es nur daran, dass ich in letzter Zeit wie aus dem Nichts ganz viel aus der vierzigjährigen Karriere von Conan dem Barbaren gelesen habe, aber irgendwie verfolgt mich seit Tagen der Anarcho-Primitivismus. Die Abkehr von Konzernen, Regierungen und sonstigen autoritären Konstrukten ist nichts neues, aber der Primitivismus in seinen extremen Momenten ersinnt die Idee, die Gesellschaft auf den Stand zurückzudrehen, der in den Abenteuern von Conan oder Filmen wie (dem furchtbaren) 10.000 BC die Hauptrolle spielt: Ein vollständig enttechnologisiertes Nomadentum, wie es vor der Gründung von Städten und vor der Entwicklung von Ackerbau gelebt wurde. So würde eine gesellschaftliche Ungleichheit zwischen den Menschen aufgehoben werden und die nutzlosen Zwänge des heutigen Miteinander würden über Bord geworfen.Wie ernst so etwas wirklich genommen wird und wie verbreitet eine solche Ideologie ist, vermag ich nicht abzuschätzen, schließlich werden ihre Anhänger nicht vom Smartphone aus twittern, dass grade sie ein Kaninchen erlegt haben. Ich schätze es vielmehr so ein, dass es zwei Sorten von Menschen gibt, die dieser Ideologie wage zugeordnet werden könnten: Die einen sind die, die aus purem Hipstertum und um anders zu sein im Wald hocken und davon philosophieren, wie sie eins mit Gaia sind (Wolves in the Throne Room, hust hust). Die anderen sind die, die sich hartnäckig weigern anzuerkennen, dass Computer und Technologie eine alltägliche Grundanforderung an alle Menschen in jedem Beruf geworden ist und sich unüberlegt zum extremen Gegenteil berufen fühlen. Letztere Gruppe ist die ältere, die vermutlich den Fachbegriff nicht kennt und das ganze weniger ernst nimmt.
Je mehr ich mit Technologie zu tun habe, deren Existenzzweck ohne eigenständige Darseinsberechtigung die Aufrechterhaltung anderer Technologie ist - Maschinen, die sich nur mit Maschinen unterhalten - und desto mehr idealisierende Comics ich lese, desto mehr fasziniert mich das Gedankengut. Ich komme aber jedes Mal zu dem Punkt, an dem ich mir denke, dass die gesellschaftlichen Konsequenzen durchaus etwas positives hätten, das ganze aber nicht mit meinen hedonistischen Grundwerten vereinbar ist.
Technologischer Fortschritt und Entwicklung, gesellschaftliche Organisation und Kultur haben in meinen Augen nur eine Berechtigung: Wenn sie dafür da sind, dass es den Menschen irgendwie besser geht. Bei einer Abkehr von Technik, Forschung und Wissenschaft würde des den Menschen innerhalb kürzester Zeit wesentlich schlechter gehen. Reisen durch Auto, Flugzeug und Bahn, Kommunikation durch Telefon und Internet, Behandlung durch Medikamente, all die guten Dinge, die die böse Verstädterung, Industrialisierung und Globalisierung mit sich gebracht haben, haben ganz gewaltig geholfen, das Leben besser zu machen. Wozu all das wegschmeissen? Hirsche mit Pfeil und Bogen jagen gehen und Großkonzerne abschaffen können wir auch, ohne die medizinischen Erkenntnisse der letzten Jahrtausende zu verbrennen. Wozu das Leben schlechter machen?
Wenn der Primitivismus eine rein kulturell-gesellschaftliche Sache wäre, könnte ich mich ja fast mit ihm anfreunden. Aber das totalitäre Verbot von den allen modernen Dingen, egal ob gut oder schlecht, ist viel zu naiv, als dass es ernstzunehmen wäre. Für mich zumindest.



















