Von prophet am Samstag, Dezember 31, 2011 um 11:05

Alle Jahre wieder

Mehr Geld oder weniger?
Geringfügig mehr.

Größte Zeitverschwendung?
Ich will mir gar nichts vormachen: Ein gewisses Imageboard, mit großem Abstand.

Größte Innovation?
Nicht mehr am selben Platz sitzen zu müssen, um im Internet surfen zu können. Ich habe mir für sagenhafte 200 € ein 15" ASUS Notebook gekauft und betreibe darauf Linux Mint und Windows 7 (falls ich es mal geschäftlich brauche) im Dualboot. Drum habe ich jetzt diese unsinnige Haltung, dass mehr als 200 € für einen Computer zum Im-Internet-Surfen nicht nötig sein dürfen.

Schönster Film?
Es gab im Jahre 2011 nur eine einzige Neuerscheinung die richtig gut war und das ist natürlich Drive. Kein Film war so athmosphärisch, stimmig im Gesamtbild und einzigartig im Stil. Auf dem Papier ist Drive ein Fast and the Furious Action-Film, wird durch die Regieführung und den Schnitt aber zu einem sich langsam bewegenden Thriller ala Bullitt. Ganz großes Kino und unangefochten der beste Film des Jahres. Tinker Tailor Solider Spy wäre noch ein Kandidat gewesen, aber den bekam ich nicht zu sehen. Überraschend gut war Captain America, erschreckend schlecht war Werner.
Zusätzlich zu den Neuerscheinungen haben mir 12 Angry Men, Iron Man 2, MOON, Dark City und Sunshine sehr gut gefallen.

Himmelhoch jauchzend oder zu Tode betrübt?
Immer zu Tode. Immer.

Am liebsten gehört?
Alte Musik. Die Bands, die 2011 bei mir rauf und runter liefen waren allen voran Voivod (alt wie neu), Morbid Angel, Electric Wizard, Slayer, Bathory, Darkthrone und High on Fire. Wenige Neuentdeckungen wie The Gates of Slumber oder Atheist waren dabei, viel eher habe ich mich tiefer in bekannte Bands reingehört. Die großartigsten Alben, die ich im letzten Jahr immer wieder gehört habe, waren wohl Covenant von Morbid Angel, Horrified von Repulsion, De Mysteriis Dom Sathanas von Mayhem, Wrath of the Tyrant von Emperor, War and Pain sowie das Self-Titled (hasst mich ruhig dafür) von Voivod und Dark Medieval Times von Satyricon. Als herausragenden vereinzelten Song außerhalb seiner LPs möchte ich Magic Arrow von Timber Timbre hervorheben. Grundsätzlich bedeutete 2011 musikalisch für mich die Zuwendung zu Crust Punk (Amebix, Anti Cimex, Driller Killer), Black Metal (Taake, Blasphemy), altem Sludge (Eyehategod, Buzzoven) sowie the return of Death Metal (Dismember, Cannibal Corpse) - oder kurz : mein Musikgeschmack wird im Metal-Bereich immer extremer. Dafür habe ich mehr denn je in anderen Genres gewildert, wie etwa Oldschool Hip-Hop (Wu-Tang, N.W.A.), Psytrance oder Jazz (Miles Davis).
2011 war an neuer Musik noch schwächer bestückt als 2010. Es fällt mir schwer ein wirklich herausragendes Album zu benennen. Die besten Neuerscheinungen kamen von Vader (Welcome to the Morbid Reich), Vektor (Outer Isolation), Toxic Holocaust (Conjure and Command), Tombs (Path of Totality) und Wolves in the Throne Room (Celestial Lineage). Enttäuschendes erschien mal wieder von Mastodon, die ich inzwischen fast gar nicht mehr höre.

Am liebsten gelesen?
Comics, richtige Bücher hatte ich kaum in den Händen. Bei ersteren hat es vor allem Conan der Barbar unter meine Favouriten geschafft. Die alten Sword and Scorcery Geschichten mit Kerkern, Kämpfen, hilfsbedürftigen Stripperinnen Damen, Schlangenkulten, uralten Monstern, verschollenen Städten und verlockenden Schätzen haben einfach einen gigantischen Charme. Dem entgegen stehen die Comics des Aliens-Franchise, die zwar aus einer ganz anderen Richtung kommen, mir aber auch sehr gefallen.

Dicker geworden oder dünner?
Ein bisschen dünner und ein bisschen muskulöser. Absolut betrachtet aber immer noch fat as fatass.

Weiser geworden oder dümmer?
Zunehmend dümmer mit mehr Fachwissen.

Bester Kauf / in Bezug auf das Preis-Leistungsverhältnis?
Der ASUS Laptop. Die Leistung ist voll ausreichend für's Surfen, die Verarbeitung ist super, der Bildschirm groß genug. Für den Preis bekommt man nichtmal eines dieser grässlichen EeePC Netbooks in 11".

Idiotischste Ausgabe?
Das Samsung Blu-Ray Laufwerk im Januar. Es ist laut, wird schnell heiß und taugt als CD/DVD Laufwerk nichts (Musik-CDs haben Aussetzer beim Abspielen). Außerdem habe ich kein Geld für Blu-Rays über, daher ist es nicht so, als würde ich es auch seinem eigentlichen Zweck zuführen. Dieses Gerät ist das einzige Teil in meinem PC, mit dem ich unzufrieden bin.

Am meisten getrunken?
Zuckerwasser wie auch die Jahre zuvor. In letzter Zeit aber immer wieder von Selter unterbrochen.

Ekligstes Gericht?
Entweder die gefürchteten Microwellen-Gerichte oder die Schachtel Cornflakes, die irgendwie angebrannt schmeckt. Ganz furchtbar, vor allem, wenn es einen morgens trifft und man überhaupt nicht damit rechnet.

Leckerstes Gericht?
Donuts. Kill me.

Neue Freunde gefunden?
Nein.

Alte Freunde verloren?
Keine gehabt.

Nicht befolgte Vorsätze?
Mit Absicht keine Vorsätze gefasst.

Größte verpasste Chance?
Diverse Dinge zu dokumentieren, direkt, nachdem ich sie gemacht habe. Jetzt muss ich mir unfassbar viel Zeug aus dem Kopf pulen, den ich nicht mehr weiss. Blöd.

Größte Enttäuschung?
Ein Mensch ohne Hoffnungen kann nicht enttäuscht werden.

Angst?
PermaneAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAH!

Größter Erfolg?
Einige Projekte im Beruf zügig abschließen können.

Größter Misserfolg?
Einige Projekte im Beruf mit Ach und Krach durchgeschliffen, teils über Monate hinweg.

Schlimmste Woche?
In der ersten Oktoberwoche habe ich 90 Stunden beim Kunden vor Ort gearbeitet, die Woche drauf 80, die Woche drauf 70.

Gesünder oder kränker?
Als Gesamt-Organismus gesünder, in den Problemzonen aber kränker. Nein, damit meine ich nicht meine Genitalien.

Interessantestes Experiment?
Privat Linux als Desktop OS einzusetzen. Tatsächlich ist es genau so schmerzfrei wie ein Windows 7 zu betreiben, wenn man vom Drucken mal absieht. Geschäftlich der Labortest von VMWare ihrem ThinApp.

Am meisten gelernt?
Vermutlich im Microsoft Bereich, Optimierung vom Windows Server, Terminalservices, Druckdienste, Exchange. Ansonsten wie immer sehr viel Citrix.

TV-Würg?
Das deutsche Fernsehen. Ernsthaft, ich kann mir vereinzelte Filme angucken, aber der Rest ist so dermaßen zum Kotzen. Darum schalte ich den Fernseher auch nur alle paar Wochen mal ein. Wie sich Leute die Frauentauschs, Bauer sucht Fraus, Perfekten Dinners, Daheim im Glücks, Ab ins Beets und sonstige Monstrositäten angucken können, macht mich krank. Diese Programme sprechen offen aus, dass sie ihre Zuschauer für dumm halten, weil sie sonst nicht auf diesem Niveau wären. Und die Zuschauer schreien nach mehr und flehen die Sender auf Knien an, ihnen noch mehr Durchfall direkt in den Hals zu scheissen.
Ich hatte außerdem angefangen, Requiem for a Dream zu gucken, habe es aber abgebrochen, weil mir so furchtbar egal war, was mit diesen mir gleichgültigen Charakteren geschah.

TV-Wow?
Adventure Time hat nachgelassen, ist aber immer noch die beste aktuelle Serie. Ansonsten haben mir Akte-X, My Name Is Earl, Metalocalypse und die ersten zwei Staffeln von Breaking Bad eine Menge genüsslicher Abende beschert.

Größte Veränderung?
Seit ich von Außerirdischen entführt wurde verpasst die Sonde in meinem Nacken mir alle 30 Minuten einen elektrischen Schlag.

Größter Verlust für die Menschheit?
Natürlich Der Geliebte Führer. Sein Tod im glorreichen Sieg gegen den Imperialismus der Teufel vom Rest der Welt bleibt ein leuchtendes Vorbild für das stolze und reiche Volk von Best Korea. Aber im Ernst, vermutlich die Freiheit, die das Internet so großartig macht - SOPA wird kommen und die Welt im negativen Sinne verändern.

Was ich im kommenden Jahr garantiert nicht sehen möchte?
Mehr von den erfolglosen Protesten, die Nachrichten und New York besetzt hielten. Es gibt schöne Photos von Champagnerpartys auf den Balkonen über der Wall Street, wo die feiernden Schlipsträger lachenderweise mit ihren iPhones Photos von dem herumlungernden Pöbel auf der Strasse machten. Syrien ist das nächste Beispiel, ich rechne fest damit, dass Bashar al-Assad den Weltrekord im Proteste-Aussitzen bricht. Ich möchte mehr Steine fliegen sehen, mehr angezündete Autos, ich möchte den weltweiten Börsenbetrieb einbrechen sehen weil die politisch motivierten Techniker hinter den Kulissen die USV rausgerissen haben. Ich möchte weniger Zufriedenheit und mehr Mut zur Veränderung sehen. Außerdem kann mein Auto immer noch nicht fliegen!

Von prophet am Samstag, Dezember 24, 2011 um 13:39

Politiker und Privatleben

Das elendige Geschrei um Christian Wulff und den Privatkredit, den er von seinem Kumpel angenommen hat, will die Nachrichten einfach nicht verlassen. Der Knackpunkt an dem "Skandal" muss aber im Auge behalten werden. Solche Geschichten neben der eigentlichen Aufgabe einer öffentlichen Person, die nichts mit ihrer Aufgabe zu tun haben, sind nur dann von Interesse, wenn es die Ausübung des Amtes irgendwie beeinflusst. Wenn der Wulff seinem Freund irgendwelche Vergünstigungen im Austausch gegeben hat, irgendwelche Baugenehmigungen oder sonstiges, dann ist das wichtig, muss aufgeklärt werden und Konsequenzen haben. Wenn dem nachweislich nicht so ist, kann man die Story fallen lassen. Es ist mir doch egal ob sich der Westerwelle zu Hause am liebsten von schwarzen Bodybuildern durchwalgen lässt, die von der Leyen ihre Kinder grün und blau schlägt oder der Gabriel sich am liebsten zu Oma-Vollkack-Fleischhaken-Stromfolter-Pornos einen runterholt. Ist alles in Ordnung, wer tut das nicht. Aber wenn durch Bestechung aus der Lobby sachliche Entscheidungen zu Gunsten der Sponsoren verschoben werden, dann muss die Presse da sein, den Finger in die Wunde bohren und die Verantwortlichen - inklusive der Firmen, die den Politikern die Taschen füllen - öffentlich bloßstellen und in der Luft zerreißen.
Politiker haben keine Vorbildfunktion, schon lange nicht mehr. Sie sind nämlich nur Menschen die genauso voll mit Bullshit sind wie alle anderen auch und deshalb auch nicht in irgendeiner Weise "über" dem Bürgertum stehen. Sie müssen nur sinnvolle Beschlüsse fassen können, die im Sinne der Allgemeinheit sind. Ich würde lieber einen Typen im Bundestag abstimmen lassen, der wegen dreifachem brutalem Mord im Gefängnis sitzt, wenn er sachlich richtig handelt, als irgendeinen "bürgernahen" Affen im Anzug, der gegenüber dem Sachgebiet, über das er bestimmen soll, kein fundiertes Wissen aufbieten kann.

Von prophet am Montag, Dezember 19, 2011 um 14:38

Von gutem Charakter

Es gibt Meinungen wie Sand am Meer darüber, was einen guten Charakter ausmacht. Ich meine damit fiktive Personen in allem Multimedialen. (Ausgenommen hiervon sind bewusst charakterlos gehaltene Protagonisten wie Gordon Freemann aus Half Life oder Ismael aus Moby Dick, die als leere Hüllen dienen sollen, in die sich der Leser versetzen kann.) Viele Menschen würden sagen, eine Figur in Film, Spiel und Buch muss einen Hintergrund haben (das wird dann Tiefe genannt) und mehrere Facetten einer Persönlichkeit zeigen. Ich möchte dem widersprechen. Es ist nämlich auch möglich, recht eindimensionale Figuren zu schaffen, die dem Publikum oder Leser zusagen - und genau das Gegenteil, Figuren mit ausgeklügeltem Hintergrund und mehrschichtiger Persönlichkeit, die trotzdem floppen. Ich behaupte, ein guter Charakter wird durch zwei große Elemente geformt:

Empathie und Bewunderung. Und das, was dazwischen liegt.

Empathie fühlen wir vor allem, wenn wir uns mit einem Charakter identifizieren können. Dieser Charakter ist der Bezugspunkt zu dem Szenario, da man sich vorstellen kann, man selbst wäre an dessen Stelle. Der größte Sympatisant ist der ausgelutschte "liebenswerte Looser", der im Laufe der Jahre seine Form immer wieder geändert hat. Jesse Eisenberg in Zombieland oder Ron Livingston in Office Space sind gute Beispiele. Einige Filme gehen soweit, die Hauptfigur danach zu gestalten, wie der durchschnittliche Zuschauer des Films aussehen würde (Zombieland, The Last Starfighter...). Diese Figuren haben in der Regel zu Beginn eines Filmes oder Buches nur eine einzelne Facette einer Persönlichkeit, die, die der Zuschauer auch in sich selbst erkennen kann. Weitere Charakterzüge, die erst durch die Krisen, die eine Figur im Laufe einer Handlung durchmacht entwickelt werden, kommen erst später dazu, wir fühlen mit dem Protagonisten schon mit, wenn er noch eine eindimensionale Figur ist. Diese Figuren sind oft nicht besonders erfolgreich im Leben, denken aber rational, haben einen Sinn für Humor, sind aber oft unglücklich.
Eine Stufe über der Empathie steht, was ich bewundernde Empathie nennen würde. Sie beginnt wieder mit dem Looser. Wir können uns weiterhin in die Figur hineinversetzen, uns mit ihr identifizieren, aber sie hat eine einzelne herausragende Eigenschaft, etwa Können in einem einzelnen bestimmten Feld. Oftmals dient diese eine besondere Eigenschaft als Aufhänger dafür, dass die Figur in die Handlung hineingezogen wird. Beispiel hierfür sind Neo im ersten Matrix Film und Case aus Neuromancer (Hacker-Skills), Alex in "The Last Starfighter" (Pilot), Rincewind in der Scheibenwelt (Wizzard) oder Yorick in "Y - The Last Man" (Zaubertricks). Im Wesentlichen dasselbe wie die normale Empathie, nur dass der Figur ein zusätzliches Können gewährt wird, um es für die Handlung aufgreifen zu können. Ein Mittel zum Zweck. Extrema der Empathie wären zum Beispiel Finn aus Adventure Time oder Peter Parker (Spiderman) - vielleicht sogar Harry Potter.

Das Gegenstück zur Empathie ist Bewunderung. Dies gilt vermutlich für jeden einzelnen Action-Held überhaupt. Wir können uns nicht mit Indiana Jones, Boïndil "Ingrimmsch" Zweiklinge, Riddick, James Bond, Johnny Crocket, Batman, Allen Ripley, John McClane oder Conan identifizieren. Dafür bewundern wir diese Charaktere für ihre von Beginn der Handlung an herrausragenden Fähigkeiten, wünschen uns vielleicht sogar, wie sie zu sein. Deshalb stehen wir im Laufe der Handlung auf der Seite dieser Figuren und wollen, dass sie "gewinnen". Sympatien werden dadurch allerding nicht sofort erzeugt, und auf die kommt es an. Wir mögen Superman, weil er seine Kräfte einsetzt, um anderen zu helfen. Wir mögen MacGyver, weil er durch Grips statt durch Gewalt an sein Ziel kommt. Wir mögen sogar Figuren wie den T-800 in Terminator zwei, weil er so lässige Sprüche klopft.
Im Wesentlichen werden Charaktere, die man durch Bewunderung mag, durch zwei Merkmale sympatisch gemacht: Durch markige Sprüche oder durch selbstlosen Einsatz für andere. Letzteres gilt auch für Empathie-Charaktere. Bewunderung kann sogar soweit gefasst werden, dass sie auf "böse" Charaktere übergreift. Wir mögen sogar Figuren wie den Punisher, solange sie hehre Motive haben und dabei noch lässig genug rüberkommen. Diese müssen nichtmal menschlich sein (Gul Dukat).
Bewunderungs-Charaktere haben es schwerer als Empathie-Charaktere, eine wirkliche Bindung mit dem Zuschauer aufzubauen. Darum müssen sie auch Fehler machen (Tony Stark und der Schnaps) oder ein wenig Humor einbringen, um durch ihre Übermenschlichkeit den Zuschauer nicht zu sehr zu entfremden (woran Jackie Chan kläglich scheitert). Damit Bewunderungs-Charaktere wirklich hängen bleiben, müssen sie genug Charakterzüge mitbringen, um "griffig" zu sein. Das gilt besonders, wenn die Rolle ein anderes Geschlecht als der Zuschauer hat. Es muss Ecken und Kanten und Wesenszüge geben, an denen man die Figur ausmachen kann. Wenn man eine Rolle nicht so beschreiben kann, dass man sie wiedererkennt, ohne, dass man das Aussehen der Figur erwähnt, bleibt der Charakter nicht beim Zuschauer hängen und entwertet damit den Film. Darum sind auch die Resident Evil Filme der letzte Dreck und die ersten beiden Alien-Filme genial, weil an Ripley mehr dran ist als an Alice.

Charaktere, die nur durch Klamauk präsent sind und ausschließlich über Humor an den Leser/Zuschauer herantreten, sind diesem nie so wichtig wie die Figuren, zu denen er über Empathie oder Bewunderung eine Beziehung aufbauen konnte. Die Qualität einer Handlung, ob Spiel, Buch, Film oder Comic, läuft immer auf diese beiden Elemente hinaus.

Das Ziel von Empathie und Bewunderung ist gleich: Den Zuschauer emotional zu involvieren, mit den Figuren mitfühlen zu lassen. Filme mit guten Special Effects werden zwar für die Laufzeit unterhalten, aber nie langfristig Eindruck hinterlassen, wenn sich das Publikum nicht irgendwie auf die Menschen darin beziehen kann und mit ihnen die Hochs und Tiefs der Handlung durchlebt. Selbst Filme mit spannender Handlung oder guter Athmosphäre können massenhafte Wegwerf-Ware sein, wenn man sich nicht zu den Figuren darin beziehen kann. Beispiel: Nahezu jeder Horror-Film.
Filme, deren Handlung fast schon banal ist, die einen linearen Verlauf haben und keine Effekte haben, können trotzdem hängenbleiben, weil die Personen darin glaubhaft sind und dem Menschen einen Bezugspunkt geben. Beispiel : 12 Angry Men.

Genau aus diesem Grund ist auch Star Wars Episode IV ein zeitloser Klassiker, im Gegensatz zu Episode I bis III. Die Sci-Fi Oper mit ihren damals spektakulären Effekten und den fantastischen Weltraum-Gefechten gibt es in allen Filmen. In Episode IV aber gibt es einen Empathie-Charakter (Luke) und einen Bewunderungs-Charakter (Han). Zu Beginn mögen sich die beiden nicht, aber sie machen zusammen einige Krisen durch, überwinden Probleme und arbeiten zusammen, so dass sie am Schluss eine glaubwürdige Freundschaft aufgebaut haben. Darum sind zwanzig Sekunden, in denen Luke und Han nach Zerstörung des Todessterns jubeln, tausendmal mehr Wert als die zwanzig Minuten in Episode III, in denen Obi-Wan und Anakin kämpfen. Weil man mit den Charakteren mitfühlt und sich für sie freut.

Was viele Autoren, die eine romantische Nebenhandlung in ihre Geschichten einbauen vergessen ist eine Empathie oder Bewunderung auf beiden Seiten. Wenn sich der Protagonist in die Hauptdarstellerin verliebt, dann muss das für den Zuschauer nachvollziehbar sein. Bei der dramatischen Trennung muss es dem Publikum für beide Seiten wehtun, ansonsten tritt der "ja scheiss doch auf die Alte und greif dir lieber ein Gewehr"-Effekt ein. Ansonsten ist es nur ein dahingeklatschtes Element, um auch die Romantiker-Sparte zu bedienen.

Natürlich kommt es auf den Zuschauer drauf an, wem gegenüber er Empathie empfinden kann und was er bewundert. Erin Brockovich kann genauso Bewunderungsfigur sein wie Wolverine oder Zorro, nur für ein anderes Publikum. Die Grundregeln sind aber die gleichen : Wenn es mit dem Bezug zur Figur nichts wird, dann kann die Geschichte nie mehr als Unterhaltung sein. Ich würde nie behaupten, dass Unterhaltung schlecht ist, aber es kann so viel mehr sein.

Von prophet am Freitag, Dezember 16, 2011 um 23:12

Besinnliches Liedgut

Vader - Welcome to the Morbid Reich [2011] []
Hinter dem oldschooligen Cover versteckt sich der beste Vader Langspieler seit Litany. Zwar hat Vader bis heute kein richtig schlechtes Album veröffentlicht, aber Impressions... und Necropolis konnten nicht voll überzeugen. Welcome... verpackt den bekannten Vader Sound in eine etwas rauere Produktion, was dem zuvor oft sterilen Klang sehr gut tut. Die Songs sind nicht mehr in ziemlich schnell, schnell und scheissschnell unterteilt, sondern haben pro Titel mehr Variation inne. Zwischen den Blastbeats finden sich wirklich eingängige Riffs (I Am Who Feasts Upon Your Soul) und interessante Soli (Titeltrack) Das wohlvertraute Röhren von Frontmann Piotr tut sein übriges, um einen wirklich massigen Sound zu erzeugen. Welcome To The Morbid Reich ist für mich das beste Death Metal Album 2011.

Vektor - Outer Isolation [2011] []
Fast an mir vorbeigegangen wäre die Veröffentlichung von Vektors neuem Album. Beim ersten Hören konnte Outer Isolation nicht mit dem wahnsinnig genialen Black Future mithalten, nach diversen Durchläufen stellt es sich jedoch als großartig heraus. Die längere Dauer um bei mir Fuß zu fassen liegt vermutlich an den gefühlt häufigeren Phasen der hellen Instrumental-Parts. Das neue Album ist aber keinesfalls „ruhiger“, Songs wie Cosmic Cortex hauen mit massigen Riffs, Soli im Sturzflug und durchgängig beeindruckender Instrumentalisierung richtig auf die Kacke. Vektor klingen, als wären Piggy und Chuck zu ihren besten Zeiten zusammen in einer Band. Ein größeres Kompliment fällt mir nicht ein. Die Zukunft des modernen Metals.

Mayhem - De Mysteriis Dom Sathanas [1994] []
Eigentlich wurde bereits alles über De Mysteriis Dom Sathanas gesagt. Und doch ist mir diese Blaupause des Black Metals eine Erwähnung wert. Zu Deathcrush-Zeiten haben Mayhem zusammen mit Darkthrone den Norwegischen Black Metal erfunden, hier haben sie ihn soweit perfektioniert, dass DMDS zum nahezu unerreichten Maß aller Dinge in dem Genre werden musste. Das faszinierende ist für mich der Spagat zwischen dem primitiven, monotonen und vor allem Riff-zentrischem Gestampfe, der die erste Black Metal Welle ala Hellhammer definierte, und dem ultraschnellen Geballer, aus dem aktuelle Bands wie Dark Funeral oder 1349 bestehen. Die düster-kalte Atmosphäre, das stumpfe Geholze und genial prägnante Riffs (Freezing Moon) machen De Mysteriis Dom Sathanas bis heute zum bedeutendsten Werk des Genres.


Auch gehört:
Down - NOLA []
- Überzeugender als das dritte Release, Southern Metal by the book
EvilDead - Annihilation Of Civilization [] - Mehr 80s Thrash Metal für Genre Enthusiasten wie mich
Burial - Untrue [] - Athmophärische Elektro-Musik die ich nicht einzuordnen vermag
Voivod - Infini [] - Klagt mich ruhig dafür an, aber in meinen Augen nicht so gut wie das Self Titled
Witch Mountain - South of Salem [] - leicht rockiger Stonerdoom mit Frauengesang
Eyehategod - Dopesick [] - Urvater des bösen, dreckigen, keifenden Sludge

Von prophet am Mittwoch, Dezember 14, 2011 um 17:20

Monitoring

Das graue Bild auf dem kleinen Monitor flackerte immer wieder kurz auf und stockte, bevor es dann flüssig weiterlief. Ernie aus der Sesamstraße tippe mit seinem behandschuhten Finger gegen die Bidlfläche, ein Brauch, der in digitalen Zeiten längst veraltet, aber immer noch beliebt war. Er lehnte sich wieder in den Stuhl zurück und ließ seinen Blick über die diversen kleinen Bildschirme schweifen. In der relativ engen Kammer die nur durch die Abwärme der Elektro-Geräte vor der Kälte bewahrt wurde, saß neben ihm auf einem noch abgewetzteren Stuhl als dem seinen Hernando "Friemel" Kollschewski, Urenkel von Erwin und Erna Kollschewski. Seinen Spitznamen verdankte er dem Tick, ständig mit seinen Fingern an etwas herumfriemeln zu müssen. Aktuell pulte er an einem Stück Bleck aus der Vorkriegszeit herum, auf dessem roten Lack in weißer, geschwungener Schrift irgendetwas unlesbares stand.

Ernie kniff seine Kulleraugen zusammen und starrte eine Weile auf einen der Monitore. Schließlich zeigte der Star der Sesamstraße auf den kleinen Bildschirm und machte Hernando darauf aufmerksam. "Hey, guck mal", sagte er. Friemel blickte von seinem Stück Blech auf und schaute auf das kleine, flackernde Bild. "Warte mal Holmes, ich stelle ihn größer", sagte und, drückte einige Knöpfe und ließ dieses Kamerabild auf dem größten der Monitore in der Mitte der Wand erscheinen.
Zu sehen war - nach einem kurzen Ladebildschirm mit dem vierfarbigen Logo der Firma -eine leere Gasse irgendwo in der Stadt, nur durch die Nummerierung der Kamera genau zu identifizieren. Eine Person, vermutlich ein männlicher Jugendlicher, kam der Kamera immer näher. In seiner Hand hielt er eine Papiertüte.
"Schauen wir mal, wer unser Freund hier ist", sagte Ernie. Er stoppte das Bild, markierte das Gesicht der Person und ließ das Erkennungsprogramm durchlaufen. Innerhalb weniger Sekunden war die Datenbank durchforstet und neben dem Gesicht erschienen ein Name, Geburtsdatum, Arbeitsstätte, letzte Auffälligkeiten, Verhaltensmuster, psychologische Einschätzung...das komplette Profil der Person. Ernie warf einen Blick drüber. "Kaine heisst der junge Mann. Keine größeren Auffälligkeiten bisher. Sein Vater arbeitet irgendwo einige Etagen höher.", fasste Ernie zusammen und las weiter. Hernando frickelte weiter an seiner Dose herum. Nach einigen Sekunden fuhr Ernie fort. "Potentielle Gefahren: Unordnung, Risikofreudigkeit, Gier, Zynismus, Verantwortungslosigkeit, Auswanderung.", fasste er die Informationen zusammen. "Wow", schloss er. Hernando nickte. Nur sechs Punkte waren heutzutage nicht besonders viel. Noch vor zwei Jahren war es der Durchschnitt gewesen.

Ernie zoomte weiter an den jungen Kaine heran, als der anfing, sich verdächtig umzusehen. "Ich glaube, wir sind alle programmiert.", sagte er und lehnte sein rundes, oranges Gesicht zur Seite. "Sag das nicht zu laut!", ermahnte Friemel ihn. "Als Dingsi, wie war noch sein Name, öffentlich diesen Quatsch mit den Computerchips erzählte die ihm ins Gehirn eingepflanzt worden sind, haben sie ihn weggesperrt. Dieser Kraken-Spinner.", sagte er. Ernie schüttelte den Kopf. "Nein nein, so meine ich das nicht. Ich meine, wir sind doch von Natur aus individuell programmiert. Ich meine die Profile. Wenn ich nur genug Informationen über einen Menschen habe weiß ich doch genau, wie er sich in Zukunft verhalten wird. Mann kann eine Person komplett berechnen, wenn man sich sein Profil anguckt. Nehmen wir ihn hier zum Beispiel. Was glaubst du, ist in seiner Tüte?". Frickel zuckte mit den Schultern und pulte den Lack von dem Blechstück. "Keine Ahnung", murmelte er. Ernie lehnte sich wieder im Sitz nach vorne. "Ich sage....mmh...etwas zu essen. Irgendetwas außerhalb der normalen Rationen. Irgendwas ungesundes.", spekulierte er und wirbelte mit seiner Hand herum. Auf dem Bildschirm packte der junge Mann etwas aus seiner Tüte und steckte es sich in den Mund. "Bingo", sagte Ernie und lächelte sein breites Grinsen. "Genau das meine ich. Die Kameras sind ja schön und gut, und die Ordinatoren sind bestimmt effektiv, aber das hier...", sagte er und zeigte auf den Bildschirm mit dem geöffneten Profil, "...ist die Glaskugel, die in die Zukunft guckt. Jeder einzelne Mensch ist eine Formel, in die man Variablen einfüllen kann und ein entsprechendes Ergebnis bekommt. Und hier ist die Formelsammlung.", sagte er. Hernando blickte kurz von seinem Metall auf. "Ich weiß nicht...ich glaube nicht, dass Menschen so berechenbar sind.". Ernie guckte zu ihm herüber. "Wollen wir wetten?", fragte er herausfordernd. Wie es seine Art war guckte Frickel wieder weg und zuckte still mit den Schultern. "Die Papiertüte", sagte Ernie. "Ich wette er schmeißt sie auf den Boden". Frickel schüttelte den Kopf. "Glaube ich nicht. Er hat bisher keine Auffälligkeiten und besonders dumm sieht er nicht aus. Er kennt die Regeln sowieso und sein Vater, er arbeitet hier? Er wird nicht so ein sinnloses Risiko eingehen. Nee."
Ernie zoomte weiter an den jungen Kaine heran und schwenkte die Kamera ein wenig, um ihm zu folgen. Sein Kauen hatte aufgehört, und jetzt blickte er sich wieder um. Das orange Flausch-Gesicht rückte näher an den Monitor. "Was wirst du tun, Junge? Dumm bist du nicht, aber die Hormone spielen in dem Alter schonmal verrückt. Schleppst du die leere Tüte jetzt noch mit oder bist du der große Rebell? Was darf es sein?", murmelte Ernie halb zu sich selbst, halb zu dem jungen Mann im Bild.
Kaine warf die Tüte unauffällig auf den Boden und ging weiter. Schnaubend nickte Ernie und setzte einen Alarm auf das Profil des jungen Mannes. "Siehst du was ich meine?", wandte er sich an Frickel. "Der Mensch baut sich sein Verhaltensschema einmal auf und bleibt dann dabei. Kennst du das Schema, kennst du jede Handlung der Person. Vergangene und Zukünftige. Wie eine Maschine, die nur eine Handvoll Ausgaben hat. Die Profile sind mehr wert als jedes Überwachungssystem, es ist vierdimensional." Hernando gab ein "Mhm" von sich.
"Kannst du dir vorstellen, dass die Menschen damals ihre ersten Profile von alleine rausgegeben haben? Freiwillig? Mann, die Leute früher waren echt dumm!", schloss Ernie und guckte sich auf dem großen Monitor an, wie der junge Mann zum ersten Mal in seinem Leben von einem Ordinator verhaftet wurde.

Von prophet am Samstag, Dezember 03, 2011 um 11:25

Mit Kalkül

Es mussten erst Menschen umgebracht werden, damit die Politik zumindest kurzfristig wieder den Rechtsextremismus in Deutschland ins Auge nimmt und als das akzeptiert, was er auch schon lange vor der von den Medien vorgeführten Mordserie war: Eine Gefahr für die öffentliche Sicherheit, eine offene Bedrohung der Rechte und Freiheiten, die die Bundesrepublik ihren Bürgern einräumt und eine Zurschaustellung primitiven Hasses.
Worauf sich die Medien zunächst stürzten war die schlecht bis gar nicht abgestimmte Zusammenarbeit von Landes- und Bundesbehörden. Je mehr zu den Ermittlungen der Kripo recherchiert wurde, desto mehr wurde öffentlich, dass auch die rechtsradikale Unterschicht, die die Behörden sonst im Gegensatz zu den Schlipsträgern der NPD als unorganisiert ansahen, durchaus ein straff koordiniertes, bundesweites Netz unterhält, das genauso Hasspropaganda auf Schulhöfen verteilt wie Brandanschläge plant und durchführt. Warum es die Ermittler überrascht, dass Nazis organisiert sein können, verwundert mich zutiefst.
Ein Landtagsabgeordneter der NPD in Mecklenburg-Vorpommern konnte bereits mit einer der Firmen in Verbindung gebracht werden, die im Nordosten Deutschlands den Vertrieb von Propaganda-Material erledigen, u.a. auch die CDs, auf denen die in die Öffentlichkeit geschwappten Morde angekündigt werden. Ich halte es nicht für wahrscheinlich, dass jede rechtsradikale Vereinigung in Deutschland mit den anderen in Kontakt steht, aber es ist nicht mehr von der Hand zu weisen, dass es bundesweite, professionelle Vertriebswege für Nazi-Artikel gibt, sich Ortsgruppen zu Landesgruppen zusammenschließen und gezielte Morde und Akte des Terrorismus innerhalb dieser Gruppen geplant und ausgeführt werden.
Wir müssen aufhören, die Bedrohung unserer Freiheit und unserer Sicherheit durch den deutschen Rechtsextremismus zu verharmlosen, diese Menschen als vereinzelte Zurückgebliebene auf dem Lande irgendwo im Osten abzustempeln und anfangen es als das begreifen, was es wirklich ist - eine strukturierte Organisation, die vor Serienmord nicht zurückschreckt und sich dem Zugriff der Behörden jahrelang vollkommen entzogen hat.

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