Männer allein im Amt
Es wurde draußen früh dunkel und nach und nach schwanden die Lichter hinter den Fenstern des Rathauses dahin, bis schließlich nur noch in einer der obersten Etagen des Gebäudes ein fahles Leuchten zu sehen war. Der dicke alte Mann darin schaltete grad sein Computer-Gerät aus. Er war seit Jahrzehnten der Kämmerer der Stadt und fühlte sich im Rathaus mehr daheim als in dem Wohnhaus, in dem eine gesichtslose, uninteressierte Familie auf ihn wartete. Um ihn herum türmten sich Berge von Akten auf, die Besuchern und Kollegen den Eindruck vermittelten, er würde sehr viel arbeiten und große Mengen an Daten durchschauen. Der Alte hatte von der überwältigenden Mehrheit keine Ahnung, was darin stand, aber da bisher niemand die Papiere vermisst hatte, konnte in den Türmchen nichts besonders wichtiges stehen. Er nahm sich einen großen Stapel aus gehefteten und losen Zetteln und warf ihn auf den Fußboden. Dann kramte er mit seinen entsetzlich dicken Fingern in der engen Seitentasche seiner dunkelgrauen Anzughose, zog ein Streichholz hervor und zündete damit den Papierhaufen auf dem Boden an.Als sich ein solider Brand entwickelt hatte, knipste der Dicke das Licht aus. Der Raum wurde nun ausschließlich von seinem Dokumenten-Lagerfeuer erhellt. Er schloss sich einen der Schränke in seinem Büro auf und zog eine Yakfell-Decke hervor, die er neben dem Feuer ausbreitete. Sein Versuch sich hinzusetzen erinnerte an das Schlingern eines Kreises, kurz, bevor er umkippt. Als er saß, zog er sich seine Schuhe und Socken aus. Lächelnd starrte der Verwaltungsbeamte seine dicken Füße an und wackelte mit den Zehen als spielte er ein furioses Solo auf einem unsichtbaren Keyboard.
Aus einer der Schubladen neben seinem Sitzplatz am Feuer zog er einen spitzen Stock, den er auf dem Weg zum Bäcker nebenan in der Mittagspause gefunden und für besonders gut befunden hatte. Auf diesem spießte er einen der Snickers Riegel auf, von denen er im Laufe eines Tages heimlich unzählige verdrückte, und hielt ihn zum Rösten in das Lagerfeuer. Schließlich zog er ihn aus dem Feuer und verbrannte sich trotz vorsichtigem Pusten die fetten Lippen. Unter lautem Schmatzen verschwand der Schokoriegel schließlich in seinem Wanst. Er wollte sich grade seine Hose ein wenig herunterziehen, um das wohlige Kitzeln des Yakfells auf seinem bloßen Hintern zu spüren, da öffnete sich die Tür. Vor dem kalten Licht des Flures zeichnete sich die Silhuette des fast ebenso dicken Verwaltungsleiters ab, der schon genauso lange im Amt war wie der Kämmerer. Er sah das Feuer und seinen barfüßigen Mitarbeiter auf dem Fell davor sitzen und schloss die Tür hinter sich. Im Schneidersitz hockte er sich neben den Bewohner dieses Büros.
"Na", sagte er. "Na", antwortete der Kämmerer. Schweigend saßen sie nebeneinander und starrten in das Feuer. Schließlich zog der Chef etwas aus seiner Jackett-Tasche. "Ich habe dir etwas mitgebracht. Etwas exotisches, zum Essen!", sagte er und reichte dem Verantwortlichen über die Finanzen der Stadt einen Bounty-Riegel. Dieser schnüffelte kurz an der fremden Süßigkeit aus fernen Landen, piekste den Bounty dann mit seinem Stock auf und hielt auch ihn ins Feuer.
"Wie war dein Tag?", fragte der Oberbeamte. Sein Kämmerer seufzte. "Nicht so gut. Die EDV funktioniert schon wieder nicht. Dabei habe ich doch ausdrücklich gesagt, dass ich so nicht arbeiten kann. Die nehmen mich einfach nicht ernst. Und als ich heute freundlich zu Frau Bartenschneider-Pimmel sein wollte und das Kompliment aussprach, dass sie doch so schön nach Spargel riecht, hat die mich so böse angeguckt.", klagte der dicke Alte. Eine Träne kullerte ihm die Wange herunter. Sein Vorgesetzter nickte emphatisch. Nach einigen weiteren Momenten, in denen die beiden alten Männer nebeneinander saßen und das einzige Geräusch im Raum das Knistern des Feuers war, legte der Kämmerer noch einige Aktenordner nach und zog dann eine dieser Kugel die man schüttelt, damit es darin schneit und seine weiße Ukulele aus der Schublade neben ihm. Die Kugel schüttelte er, stellte sie vor sich ab und begann auf der Mini-Gitarre zu spielen. Er und sein Chef sangen im Duett. "I was a highwayman. Along the coach roads I did ride. With sword and pistol by my side. Many a young maid lost her baubles to my trade. Many a soldier shed his lifeblood on my blade. The bastards hung me in the spring of twenty-five. But I am still alive.". Als sie mit Highwayman fertig waren, legte der Alte seine Ukulele wieder weg. So saßen sie noch einen Moment, bis der Verwaltungsleiter aufstand, kurz nickte und wortlos den Raum verließ. Seit dem Vorfall mit der BiFi, die sich der Chef in die Harnröhre geschoben und mit viel Schwung in die Harnröhre des Kämmerers hineinejakuliert hatte, verstanden die beiden sich auch ohne zu sprechen.
Schließlich war das Feuer heruntergebrannt und die Dunkelheit und der beißende Rauch-Gestank im Büro verkündeten das Ende des Tages. Der Dicke rollte sich schließlich in dem Yakfell zusammen und schloss die Augen. Er wusste nicht, welcher Tag morgen sein würde, aber er ließ es einfach mal auf sich zukommen. Vielleicht würde ja jemand anrufen, oder er bekam Post. Dann freute er sich immer.















1 Comments:
Ja, so ein sinnvolles Dasein, man kennt das. Nur das mit der BiFi, das kennt man eher nicht und, ähm, will man(n) hoffentlich auch nicht.
Kommentar veröffentlichen
<< Home