Von prophet am Sonntag, Januar 08, 2012 um 21:31

Normal Times

Wir leben im Zeitalter der Globalisierung, dessen polit-historisch wichtigstes Merkmal in Europa die Abgabe nationaler Souveränität an einen Staatenbund ist. Das 19te und 20te Jahrhundert waren jeweils davon geprägt, dass die großen europäischen Nationen - damit sind natürlich die Herrschenden ihrer Zeit gemeint - darin wetteiferten, das größere Heer oder die bedeutenderen technischen Innovationen (Dieselmotor, Funktechnik, etc.) zu haben. Das Resultat dieses wetteifernden Nationalismus ist bekannt. In unserer Zeit steht die freiwillige Abgabe von Entscheidungsgewalt im krassen Gegensatz dazu.
Immer, wenn Dinge zentralisiert und vereinheitlicht werden, egal ob politischer Natur oder nicht, haben immer den schmerzhaften Nachteil, dass alle Betroffenen über einen Kamm geschoren werden müssen. Das funktioniert mal mehr, mal weniger gut. Selbst wenn sich die Entscheider in ihren Versammlungen einigen können, so werden doch oftmals nicht vergleichbare Betroffene unterschiedlicher Hintergründe den selben Bedingungen unterworfen. Je größer der zentralisierte Raum, desto größer sind die Unterschiede innerhalb derer, über die entschieden wird.
Eine sachliche Auseinandersetzung wird oftmals polarisiert und in ein totales Dafür und ein totales Dagegen getrennt. Kritik an einzelnen Aspekten wird oft als Kritik an der Sache aufgebauscht und auf extreme Ansichten zurückgeführt. Ich denke, dass die Europäische Union wichtig ist und dass ein gemeinsames, koordiniertes Zusammenarbeiten der Mitgliedsstaaten unumgänglich ist. Aufpassen muss die EU jedoch, wenn es darum geht, nicht vergleichbaren Regionen die selben Gesetze und Regeln aufzuerlegen. Es muss deutlich werden, dass die Normalisierung nicht das Ziel ist, sondern ein Mittel zum Zweck, und dieser Zweck ist Wohlstand und Harmonie.

William Gibson sagte schon Anfang der Neunziger, dass sich Menschen eher damit identifizieren, was sie konsumieren als mit altertümlichen Konzepten von Staaten und Nationalitäten. Und damit hat er recht. Ich würde jedoch sagen, dass im Sinne einer den lokalen Umständen gemäßen Politik - um Deutschland als Beispiel zu nehmen - die Länder eigentlich wichtiger sein müssten als der Bund. Einigkeit und Recht und Freiheit sind schön, aber wirtschaftlich und infrastrukturell lassen sich Bayern und Baden-Württemberg nicht mit Schleswig-Holstein und Meck-Pom vergleichen. Um lokale Anforderungen zu verstehen, muss man lokal sein. Drum ist in manchen Fällen vielleicht sogar ein größeres Aufsplittern sinnvoll. Auch Dezentralisierung kann positive Auswirkungen haben. Daher sollte meiner Meinung nach nur das zentralisiert und vereinheitlicht werden, das in jeder Region vergleichbar ist. Wenn die Lage zum Beispiel der deutschen oder französischen oder spanischen Landwirtschaft durch Auflagen der EU verschlechtert wird, weil keiner so recht dem virtuellen Durchschnitt entspricht, der in Brüssel ausgearbeitet wurde, dann muss in Frage gestellt werden, ob eine Vereinheitlichung überhaupt Sinn macht und der Mehrheit nutzt. Zentralisierung ist eine Methode, aber keine allumfassende Lösung auf alle Probleme (erneut, nicht nur in der Politik). Ich gehe jedoch in meinen unnötig radikalen und unpraktischen Ansichten soweit, dass Dinge, von denen es keinen praktischen Unterschied macht, wo sie stattfinden, die überall gleich sein dürfen, sogar global vereinheitlicht werden sollten. Ja, global, auf der ganzen Welt. Dinge wie Musik oder Kleidung sind selbstverständlich außen vor. Drei Beispiele für global normierbare Dinge:

Erstens Geld. Geld ist Geld, ob es Euro oder Dollar oder Rupien heißt, es ist ein Tauschgut mit virtuellem Wert. Warum - von anachronistischem Nationalstolz abgesehen - gibt es auf der Welt mehr als eine Währung? Meinetwegen soll die gesamte Welt durch Wahlen einen Namen auswählen und damit werden alle Wechselkurz-Grenzen aufgehoben. Wenn zudem die gesamte Welt nur noch eine Währung hat, dann ist sie so dermaßen stabil wie sie nur sein kann. Natürlich muss die enorme Menge von Anfang an berücksichtigt werden, um einer gigantischen Inflation vorzubeugen.
Zweitens Sprache. Wofür braucht die Welt mehr als eine einzige, aber dafür richtig gute Sprache? Der einzige Grund ist wieder die Erbschaft durch die Vorfahren und das Pochen auf Traditionen. Scheiss auf Traditionen. Würde die gesamte Welt nur noch eine einzige Sprache sprechen, die natürlich durch wichtige Dinge aus den alten Sprachen ergänzt werden kann, könnte jeder Mensch auf der Welt mit jedem anderen reden, könnte jeder Mensch jedes Buch lesen und jeden Film gucken. Meinetwegen muss es nicht mal Englisch sein, aber es böte sich an, wo es doch schon so verbreitet ist.
Drittens Schrift weil sonst wird es mit dem Lesen nichts.
Ich weiß, dass es nicht passieren wird, denn dafür bestehen die Menschen zu sehr darauf, dass ihre Sprache und ihr Geld Teil ihrer nationalen Identität sind. Allerdings hat man vor 50 Jahren noch über viele andere Dinge so gesprochen, ich sage nur Essen.

Großflächige Vereinheitlichung kann in manchen Dingen des Lebens sehr viel Sinn machen, um Barrieren abzuschaffen. Wenn die überwältigende Mehrheit der Betroffenen davon profitiert, dann können auch globale Standards geschaffen werden. Wenn die Zentralisierung aber zum Selbstzweck wird und die Lage in dem jeweiligen Feld nicht für die Mehrheit verbessert, dann muss sie in Frage gestellt werden.

1 Comments:

Blogger PhanThomas sagte...

Ich habe heute einmal mehr festgestellt, dass es allein für Schriftarten im Web mindestens drei Möglichkeiten zur Größenangabe gibt. Nicht mal da konnte man sich scheinbar einigen. (Vermutlich historisch gewachsen.) Der Mensch kann sich ja doch nie einigen, es wird immer, egal um welchen Furz es geht, Interessengruppen geben, die sich nicht auf einen Kompromiss einlassen, sondern ihr eigenes Bier brauen wollen. Vielleicht würde das klappen, wären wir alle Vulkanier. Die Vorstellung insgesamt gefällt mir aber auch.

10.01.2012 00:40:00  

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